Aktualisiert 20.01.2016 19:26

WEF-Motto

Das ist das Gesicht der Industrie 4.0

Verkaufs-Roboter, Aufzüge 4.0, intelligente Bohrmaschinen. Während das WEF über die vierte industrielle Revolution diskutiert, ist sie bei Schweizer Firmen bereits Tatsache.

von
I. Strassheim

Ein Roboter namens Pepper verkauft in japanischen Haushaltswarenläden Kaffeemaschinen. An Stimme und Gesichtsausdruck der Kunden kann er ihre Gefühle erkennen und darauf reagieren. Im Einsatz steht Pepper für den Schweizer Nestlé-Konzern.

Während heute in Davos über die vierte industrielle Revolution noch diskutiert wird, ist sie in der Schweiz voll im Gang. Das kann auch unspektakulär, aber hocheffizient vor sich gehen: Beim Liftbauer Schindler melden die Aufzüge selbst, wenn sie Probleme haben und der Servicetechniker, der kommt, hat per Handy-App direkten Zugriff auf das Ersatzteillager.

«Für Schweizer Firmen steht die neue industrielle Revolution ganz stark im Fokus, das merken wir in unseren Beratungen», sagt Sven Siepen, Unternehmensberater bei Roland Berger. Die Schweiz habe alle Voraussetzungen, um zur Vorreiterin bei der Umsetzung bahnbrechend neuer Technologien und der Vernetzung von Maschinen zu werden, meint auch Markus Koch von der Beratungsfirma Deloitte: «Die Schweiz ist prädestiniert für die vierte industrielle Revolution. Wir haben die hochausgebildeten Leute, das Kapital und die Infrastruktur, um von den neuen Technologien zu profitieren.»

Chefs müssen umdenken, Angestellte auch

Die Revolution rollt jedoch erst langsam an. Eine Umfrage von Deloitte unter Schweizer Unternehmen zeigt, dass eine Mehrheit noch gar keinen Nutzen aus Möglichkeiten der 3-D-Drucker gezogen hat. Aber: Das neue Verfahren wird von ihnen klar als Schlüsseltechnologie gesehen. «Viele warten erst ab und schauen auf die Ergebnisse von anderen Firmen», sagt Unternehmensberater Siepen.

Zwei Hürden sind es, die die Industrie 4.0 nehmen muss, um in Fahrt zu kommen: «Entscheidend ist, dass die Belegschaft bereit ist, neu zu denken, damit etwa 3-D-Drucker an den richtigen Stellen eingesetzt werden, viele sind geistig noch nicht in der neuen Realität angekommen», sagt Ralf Schlaepfer, Partner bei Deloitte. Und: Das Management müsse umdenken. «Es braucht keine neuen Produkte, sondern Problemlösungen.» Wie bei Hilti kann Industrie 4.0 so ein Barcode auf dem Schlagbohrer sein, den die Arbeiter von Baufirmen mit dem Handy einlesen, damit jeder weiss, wo das Gerät gerade ist und eingesetzt werden kann. Die Planung vereinfacht sich so, was Jobs sparen kann.

Schwarze Listen für Berufe

Kein Wunder, kursieren Listen mit Berufen, die wegdigitalisiert werden könnten: Bei Verkäufern, Steuerberatern oder Immobilienmaklern ist die Wahrscheinlichkeit am grössten, wie die beiden Oxford-Professoren Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne analysieren. Umgekehrt hätten Therapeuten, Geistliche, Zahnärzte oder Hörgerätetechniker das geringste Risiko.

«Durch die Automation dürften zwar Arbeitsplätze wegfallen, aber im Endeffekt mehr Jobs an anderer Stelle geschaffen werden», sagt Berater Koch. Bei den bisherigen industriellen Revolutionen war dies der Fall. Neu ist nun allerdings, dass sich der Arbeitsmarkt nicht von einer Generation zur nächsten verändert, sondern innerhalb von wenigen Jahren. «Das heisst, der einzelne Menschen muss sich in seinem Berufsleben stark wandeln.» Für wenig ausgebildete, ältere Mitarbeiter könnte es allerdings schwer werden, da mitzuhalten.

Der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Daniel Lampart, konstatiert, dass die Digitalisierung kein Jobkiller sein muss. Denn Firmen investieren nur in Maschinen, wenn es ihnen finanziell etwas bringt. Die neue industrielle Revolution dürfte so eine höhere Wertschöpfung schaffen – und die bringt in der Regel auch ein höheres Einkommensniveau mit sich.

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