Getöteter Prediger : Das ist das Vorbild der Attentäter von Boston

Aktualisiert

Getöteter Prediger Das ist das Vorbild der Attentäter von Boston

Dschochar Zarnajew hat dem FBI verraten, wer ihn und seinen Bruder zu den Bombenanschlägen von Boston inspirierte: Es ist ein alter Erzfeind der USA.

von
gux

Dschochar Tsarnajew, der mutmassliche Attentäter von Boston, sitzt in einer rund neun Quadratmeter grossen Gefängniszelle im Federal Medical Center Devens bei Boston. Offenbar hat er sich von seinen Verletzungen an Hals und Zunge soweit erholt, dass er mit den FBI-Ermittler nicht mehr schriftlich kommunizieren muss. Seit einigen Tagen soll der 19-Jährige sprechen können, berichtet die «New York Times».

Bei den Verhören spricht Zarnajew mit den Ermittlern über seine Motive für die Anschläge auf den Boston-Marathon. Etwa, dass er und sein Bruder Tamerlan die Bomben ursprünglich am 4. Juli, am amerikanischen Nationalfeiertag, zünden wollten. Oder dass die Internetpredigten des Al-Kaida-Anführers Anwar al-Awlaki die beiden tschetschenischen Brüder zu ihren Attentaten motiviert hatten.

Vorbild für 9/11-Attentäter bis zum «amerikanischen Taliban»

Das ist insofern unheimlich, als dass al-Awlaki längst nicht mehr lebt. Er kam im September vor zwei Jahren im Jemen ums Leben – der erste amerikanische Staatsbürger, der durch US-Drohnen starb.

Dabei inspirierten seine Hasspredigten nicht nur die Brüder Zarnajew: John Walker Lindh, der «amerikanische Taliban», der in Afghanistan gegen die US-Truppen kämpfte und deswegen 2002 zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. US-Major Nidal Hasan, der in der texanischen Kaserne Fort Hodd 13 Menschen erschoss. Oder Chalid al-Midhar und Nawaf al-Hazmi, zwei der Attentäter von 9/11. Sie alle waren treue Zuhörer des fanatischen Internetpredigers.

Der Terry Jones des Islams

Dennoch war der rhetorisch mitreissende al-Awlaki kein Geistlicher: In New Mexico als Sohn jemenitischer Einwanderer geboren, schloss er in Colorado sein Studium als Bauingenieur ab. Er habe, schrieb al-Awlaki selbst einmal auf seiner Webseite, seine religiöse Bildung «da und dort aufgenommen».

Das überrascht insofern nicht, als dass religiöse Extremisten mehrheitlich überhaupt keine religiöse Bildung haben. So wussten etwa keiner der Attentäter von 9/11, wie der Islam zum Thema Gewalt steht. Dies gilt nicht nur im Islam – auch der christliche Fanatiker Terry Jones hat keine theologische Ausbildung. Vor zehn Jahren verurteilte ein deutsches Gericht den Amerikaner sogar zu einer Busse, weil er sich fälschlicherweise mit einem Doktortitel schmückte.

«Wie man eine Bombe in der Küche der Mutter baut»

Al-Awlaki und seine Internetpredigten sind nicht die einzige Erklärung für die Radikalisierung der Zarnajew-Brüder, namentlich des älteren, Termlan Zarnajew. Im Visier der Ermittler sind mittlerweile auch dessen Ehefrau Katherine Russell und die Mutter der Brüder, Subeidat Zarnajew, gerückt. Auf Russells Computer ist laut «New York Post» islamistisches Material gefunden worden. Zudem wurde in ihrem ganzen Haus - selbst in der Badewanne - Sprengstoffrückstände gefunden. Die in Boston verwendeten Kochtopf-Bomben sollen in ihrer Wohnung gebaut worden sein. Russell bestreitet jedoch, von dem Attentat in Boston oder den Vorbereitungen dazu gewusst zu haben. Derzeit ist noch nicht restlos geklärt, ob auf den Sprengstofffragmenten gefundene Fingerabdrücke und DNA-Spuren tatsächlich von Katherine Russell stammen.

Dschochar Zarnajew berichtete den Ermittlern zudem, dass auch die Militäreinsätze der USA im Irak und in Afghanistan ihn und seinen Bruder zu den Anschlägen motiviert hätten. Weder er noch sein Bruder hätten sich einem Terrornetzwerk angeschlossen. Die Anleitung zum Bombenbau hätten sie im Onlinemagazin der Al-Kaida der arabischen Halbinsel gefunden – bereits die erste Ausgabe des Magazins beinhaltete den Artikel «Wie man eine Bombe in der Küche der Mutter baut». Ironie der Geschichte: Der Herausgeber des Magazins, der US-Bürger Samir Kahn, kam bei der gleichen Drohnenattacke um wie Hassprediger al-Awlaki.

Keine Beweise für Anschluss bei Rebellen des Kaukasus-Emirats

Das FBI hat mittlerweile eine Gruppe Agenten nach Moskau geschickt, die mit den dortigen Ermittlern zusammenarbeiten, schreibt die «New York Times». Nach wie vor steht die sechsmonatige und vom FBI unbemerkte Reise Tamerlan Zarnajews nach Dagestan im Fokus der Ermittlungen.

Dass Tamerlan Zarnajew sich etwa den militanten Anhängern des Kaukasus-Emirats (ein von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannter islamischer Staat im Nordkaukasus unter der Führung des Rebellenchefs Doku Umarow) angeschlossen und bei ihnen eine militärische Ausbildung absolviert hatte, dafür gibt es weiterhin keine Beweise. Dies, obwohl russische Ermittler die USA bereits 2011 darüber informierten, dass Tamerlan und seine Mutter Kontakte zu «extremistischen Kreisen» hätten.

Heimische Terrornetzwerke schwerer aufzuspüren

Da in Russland Tschetschenen generell in den Dunstkreis von Terroristen gezogen werden, müssen diese Angaben umso sorgfältiger geprüft werden. William Keating, der im Kongressausschuss für Innere Sicherheit sitzt, ist allerdings überzeugt: «Tamerlan Tzarnajew hatte bei dem sechsmonatigem Aufenthalt Kontakte zu Rebellen aus Dagestan».

US-Präsident Obama geht indes davon aus, dass die Brüder Zarnajew sich in erster Linie in den USA alleine radikalisierten. Grundsätzlich seien heimische Terrornetzwerke schwerer aufzuspüren als jene im Ausland, so der Präsident. Entsprechend «ist eine der Gefahren, die uns jetzt bedrohen, die selbstradikalisierten Individuen, die bereits in den USA leben.»

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