Öffnung der Schulen: «Das ist der erste grosse Lapsus von Herrn Koch»
Aktualisiert

Öffnung der Schulen«Das ist der erste grosse Lapsus von Herrn Koch»

Epidemiologie-Professor Peter Jüni von der Uni Toronto warnt eindringlich vor der Öffnung der Schulen. Er rät Bund und Kantonen, über die Bücher zu gehen.

von
Daniel Waldmeier

Im Zoom-Interview äussert sich der Epidemiologe Peter Jüni zur Lockdown-Lockerung.

(20 Minuten / pst) 

Darum gehts

  • Laut dem Schweizer Epidemiologie-Professor Peter Jüni dürften die Schulschliessungen zur Eindämmung der Corona-Epidemie beigetragen haben.
  • Er übt scharfe Kritik am BAG: Die «unkontrollierte Öffnung» sei ein Lapsus.
  • Keinen Einfluss auf die Fallzahlen hat laut Jüni das warme Wetter.

Herr Jüni, am Montag gehen Restaurants, Fitnesscenter und Schulen wieder auf. Bundesrat Alain Berset sagt, wir könnten wieder «etwas cooler» werden. Wie beurteilen Sie die Lockerungspolitik der Schweiz?
Einige Schritte begreife ich sehr gut, andere machen mir dagegen grosse Sorgen. Hochproblematisch ist es, dass man nach dem Giesskannenprinzip die Schulen überall einfach wieder aufmacht, auch in Gebieten, die stärker von der Pandemie betroffen waren – etwa in Basel. Gerade die Kleinen werden aber Probleme haben mit den Prinzipien des Social Distancing.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sagt, Kinder seien nicht das Problem, da sie kaum je Erwachsene anstecken.
Wie das BAG zu diesem Schluss kommt, ist mir absolut schleierhaft. Es gibt derzeit keine eindeutige Evidenz dafür. Ich glaube, das ist der erste grosse Lapsus von Herrn Koch (Daniel Koch, BAG-Delegierter für Covid-19, Anm. d. Red.). Gemäss unseren Daten haben die Schulen sogar eine relativ wichtige Rolle gespielt bei der Kontrolle der Pandemie. Länder mit Schulschliessungen Mitte März konnten die Pandemie weitaus besser eindämmen als Länder ohne Schliessung zu diesem Zeitpunkt. Wenn man einen solchen unvorsichtigen Unsinn fabriziert, wie man ihn in einigen Kantonen sieht, ist die zweite Welle relativ wahrscheinlich.

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Ab dem 11. Mai startet vielerorts wieder der reguläre Präsenzunterricht.

Ab dem 11. Mai startet vielerorts wieder der reguläre Präsenzunterricht.

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Laut Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit ist das kein Problem. Es komme nur sehr selten vor, dass Kinder Erwachsene anstecken würden.

Laut Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit ist das kein Problem. Es komme nur sehr selten vor, dass Kinder Erwachsene anstecken würden.

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Während des Lockdowns blieben die Klassenzimmer leer. Stattdessen war Fernunterricht angesagt.

Während des Lockdowns blieben die Klassenzimmer leer. Stattdessen war Fernunterricht angesagt.

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Das BAG kann schlecht zurückrudern.
Es braucht passende Massnahmen und eine klare Leadership des BAG. 12- bis 16-Jährige können sich viel besser an die Regeln halten als 7- oder 8-Jährige. Angezeigt wäre ein gestaffeltes Vorgehen: Stark betroffene Gebiete sollten in einem ersten Schritt nur die Sekundarschulen öffnen. Halbklassen und das Verhindern von Menschenansammlungen auf dem Pausenhof sind überall zwingend.

Sie sind Vater. Würden Sie Ihre Kinder in die Schule schicken?
Wir können nicht sicher sein, dass die Übertragung auf Erwachsene nicht stattfindet, auch wenn Kinder grössenteils keine Probleme mit dem Virus haben. Hier in Kanada würde ich unsere Kleinen nicht zur Schule schicken. Das Risiko ist zu gross. Meine 80-jährige Mutter wohnt mit uns.

Wieso sind die Zahlen in der Schweiz so tief? Liegts am Wetter?
Darauf haben wir alle gehofft. Doch leider spielen die Temperaturen absolut keine Rolle, das zeigen unsere Daten klar. Möglicherweise spielt die Luftfeuchtigkeit eine untergeordnete Rolle, im Vergleich zu den Social-Distancing-Massnahmen ist der Effekt aber klein. Anders als beim Grippevirus sind wir gegen das Coronavirus nicht teilweise immun. Das Virus braucht keine günstigen Bedingungen, es wird sich im Sommer nicht abschwächen ohne geeignete Massnahmen und sich weiterhin fröhlich vermehren.

Die Wirtschaft leidet, der Druck auf den Bundesrat und das BAG ist gross. Ist es nicht verständlich, dass man lockert?
Doch. Die Vorwärtsstrategie ist komplett richtig. Dass die Geschäfte wieder aufmachen dürfen, ist super, wenn klare Regeln gelten. In einem Restaurant zum Beispiel sollte das Servicepersonal die Handhygiene einhalten und eine Maske tragen. Eine gute Belüftung, kleine Gruppengrössen und zwei Meter Abstand zwischen den Gruppen müssen zudem gegeben sein. Hat man ein effizientes Contact Tracing, ist das Risiko vertretbar. Setzt man aber gleichzeitig die Schulen ohne grosse Einschränkungen obendrauf, kann der Schuss nach hinten losgehen – das wäre auch für die Wirtschaft schlimm.

BAG-Koch verteidigt sich

Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit hat die Schulöffnung mehrfach verteidigt. Dass Kinder ebenfalls erkranken können, sei bekannt. Erkrankungen kämen aber sehr selten vor, sagte er vor einigen Tagen an einer Pressekonferenz. Kinder seien nicht die Treiber der Epidemie, sondern die Erwachsenen seien die Hauptüberträger. Er habe dazu Studien analysiert und Gespräche mit Kinderärzten geführt. Die Öffnung der Schulen stellten diese nicht infrage. So befürwortet auch die Schweizer Gesellschaft für Pädiatrie die Wiederaufnahme des Unterrichts.

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