Von Kamera eingefangen: Das ist der Zürcher Seitensprung-Betrüger
Publiziert

Von Kamera eingefangenDas ist der Zürcher Seitensprung-Betrüger

Ein Mann hat letzte Woche verschiedene Paare mit Briefen schockiert. Jetzt wurde er von einer Kamera erwischt. Ein Experte versucht, seinem Motiv auf die Schliche zu kommen.

von
vro

Ein Mann warf vergangene Woche Briefe in verschiedene Zürcher Briefkästen. In seinem Schreiben behauptet er, dass der Partner die betroffene Hausbewohnerin mit seiner Freundin betrüge. Was sein Motiv ist, bleibt nach wie vor unklar.

Auch H. L.* erhielt Post vom Unbekannten. «Ich habe die Nachricht nicht ernst genommen», sagt er. Der Text sei sehr allgemein geschrieben und ohne konkrete Informationen, die darauf hingedeutet hätten, dass der Brief bewusst an das Paar gerichtet ist. «Und ich weiss ja, was passiert ist und was nicht», sagt L. weiter. Seine Partnerin habe gelacht, als sie vom Schreiben erfuhr. Trotzdem sei die Sache nicht angenehm.

«Sabotage am Glück anderer»

Doch der Briefschreiber beging einen Fehler: Er liess sich von einer Überwachungskamera filmen, die im Haus installiert war. Auf dem Video sei klar zu erkennen, wie ein Mann sich in den Hauseingang stelle und die Namen erst vor Ort auf das Couvert schreibe. Dann steckte er zwei Briefe in verschiedene Briefkästen.

«Es ist ein schlechter Witz. Dem macht es Freude, Chaos zu stiften», sagt L. Ähnlich sieht es der forensische Psychiater Thomas Knecht. «Es handelt sich wahrscheinlich um eine selbstunsichere, wenig belastbare und vordergründig höfliche Person mit einer starken Aggressionshemmung.»

Knecht hat sich die Briefe angeschaut und anhand von linguistischen und äusserlichen Merkmalen ein mögliches Profil erstellt. «Es handelt sich dabei um eine Sabotage am Glück von anderen, das ist seelische Grausamkeit.» Wahrscheinlich sei der Schreiber mit dem Leben unzufrieden, da die Briefe nach dem «Schrotschussprinzip» - also willkürlich - verteilt wurden.

Verfasser arbeitet im KV

Da der Brief keinen einzigen Schreibfehler enthält, vermutet Knecht, dass der Schreiber eine normale Schulbildung absolviert hat und auch durchschnittlich intelligent ist.

Der Verfasser könnte etwa im kaufmännischen Bereich tätig sein, da der Brief «unausgeschmückt und geschäftsmässig» daherkomme. Doch über das Motiv kann auch Knecht nur mutmassen. «Für die Person ist das Ganze vielleicht eine Ersatzbefriedigung, indem sie andere beunruhigt und aufschreckt.» Einen Anhaltspunkt für eine mögliche Selbstbereicherung, wie es bei einem Einbruch der Fall wäre, sieht Knecht im Brief jedoch nicht.

Auch bei der Polizei rätselt man noch über die Absichten des Seitensprung-Betrügers. Mittlerweile haben sich bereits fünf Personen bei der Stadtpolizei Zürich gemeldet. Auch die Bilder der Überwachungskamera liegen den Beamten vor. Doch laut Sprecher René Ruf ist das Schreiben eines Briefes noch keine Straftat. Deshalb kann die Polizei von sich aus nicht aktiv werden. «Falls sich jemand aber extrem belästigt fühlt, kann er eine Anzeige wegen Ehrverletzung machen.» Dann werde der Fall von der Polizei aufgenommen und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

*Name der Redaktion bekannt

Deine Meinung