Richter verharmlost Vergewaltigung – «Das ist ein Hohn gegenüber dem Opfer und sehr abwertend»
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Richter verharmlost Vergewaltigung«Das ist ein Hohn gegenüber dem Opfer und sehr abwertend»

Bei der Begründung eines verurteilten 27-Jährigen sprach der Oltner Amtsgerichtspräsident von einer «relativ milden Vergewaltigung». Dafür wird er nun stark kritisiert.

von
Zoé Stoller
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Als der Amtsrichter die Verurteilung eines Vergewaltigers verkündete, begründete er seinen Entscheid mit den Worten «Es war eine relativ milde Vergewaltigung, wenn man das überhaupt so sagen kann».

Als der Amtsrichter die Verurteilung eines Vergewaltigers verkündete, begründete er seinen Entscheid mit den Worten «Es war eine relativ milde Vergewaltigung, wenn man das überhaupt so sagen kann».

20 Minuten
Diese Aussage sorgte in den sozialen Medien für Empörung. 

Diese Aussage sorgte in den sozialen Medien für Empörung.

Getty Images (Symbolbild)
«Das darf wirklich nicht passieren. Es muss möglich sein, ein Urteil zu verkünden, ohne das Opfer dabei abzuwerten oder eine solche massive Straftat, wie eine Vergewaltigung, zu verharmlosen», sagt Agota Lavoyer, Expertin für sexualisierte Gewalt.

«Das darf wirklich nicht passieren. Es muss möglich sein, ein Urteil zu verkünden, ohne das Opfer dabei abzuwerten oder eine solche massive Straftat, wie eine Vergewaltigung, zu verharmlosen», sagt Agota Lavoyer, Expertin für sexualisierte Gewalt.

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Darum gehts

  • Ein damals 24-Jähriger vergewaltigte eine 17-Jährige.

  • Der Richter verurteilte ihn zu zwölf Monaten Haft, was der Mindeststrafe entspricht.

  • Über seine Urteilsbegründung ist die Expertin für sexualisierte Gewalt Agota Lavoyer empört.

Das Amtsgericht Olten-Gösgen sprach am Mittwoch einen jungen Mann der Vergewaltigung schuldig. Der heute 27-Jährige erhielt allerdings nur die Mindeststrafe für das Sexualdelikt. Der zum Tatzeitpunkt 24-jährige Täter hatte im Februar 2018 eine 17-Jährige in einem Hotelzimmer vergewaltigt. Vor Gericht sagte sie, sie habe ihm klar gesagt, dass sie weder eine Beziehung noch Sex mit ihm wolle. Nachdem er daraufhin den Geschlechtsverkehr trotzdem erzwungen hatte, zeigte sie den jungen Mann an.

Amtsgerichtspräsident Valentin Walter begründete das Urteil mit den Worten: «Es war eine relativ milde Vergewaltigung, wenn man das überhaupt so sagen kann», wie das «Oltner Tagblatt» schreibt. Diese Aussage sorgte bei der Opferhilfe und in den sozialen Medien für Empörung.

Begründung «inakzeptabel»

«Sprache formt unsere Wahrnehmung und schafft unsere Realität», sagt Agota Lavoyer, Expertin für sexualisierte Gewalt, zu 20 Minuten. «Eine Vergewaltigung als mild zu bezeichnen, ist deshalb ein Hohn gegenüber dem Opfer und sehr abwertend.» Diese Art von Delikt werde neben Folter aus subjektiver Sicht der Geschädigten als eine der schlimmsten Formen von Gewalt wahrgenommen. «Ich erwarte auch von einem Richter, dass er dieses Wissen über sexualisierte Gewalt hat», sagt sie. Das Urteil kritisiere sie nicht, eine Vergewaltigung als mild zu bezeichnen sei jedoch «inakzeptabel».

«Das darf wirklich nicht passieren. Es muss möglich sein, ein Urteil zu verkünden, ohne das Opfer dabei abzuwerten oder eine solche massive Straftat, wie eine Vergewaltigung, zu verharmlosen», so Lavoyer. Sie möchte damit aufzeigen, dass dies keine Einzelfälle sind. Aus ihrer Sicht sei das mangelnde Fachwissen über sexualisierte Gewalt die Ursache für Aussagen wie jene von Walter. «Ich fordere einmal mehr flächendeckend Aufklärungsangebot für alle relevanten Berufsgruppen, die mit Opfer sexualisierter Gewalt zu tun haben», sagt Lavoyer.

«Unmenschlich»

Auch die Junge SP Region Olten ist über die Wortwahl des Richters entrüstet. «Geschätzter Amtsgerichtspräsident Valentin Walter im Falle einer Vergewaltigung - einer insbesondere dazu noch Minderjährigen - von einer ‹milden› Tat zu sprechen, weil sie nur ‹kurz› gedauert habe, ist unmenschlich», schreibt die Partei in einem Beitrag auf Instagram.

Melina Aletti, Co-Präsidentin der Jungen SP Region Olten, sagt dazu: «In einer Position wie jene des Richters muss man sich bewusst sein, was die Wortwahl anrichten kann.» Die Partei kritisiere, dass es heute noch legitim sei, eine Urteilsbegründung auf diese Weise zu formulieren. «Es verharmlost das Problem. Viele Opfer von sexualisierter Gewalt haben bereits Mühe, Anzeige zu erstatten und über das Delikt zu sprechen. Wenn ein Richter ein solch traumatisches Erlebnis als mild bezeichnet, fühlt man sich als Opfer nicht ernst genommen», sagt Aletti.

Amtsgerichtspräsident Valentin Walter wollte zu den Vorwürfen keine Stellung beziehen.

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