Analyse: «Das ist ein Zeichen eines Religionskrieges»
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Analyse«Das ist ein Zeichen eines Religionskrieges»

IS-Anhänger töten während einer Messe einen Pfarrer. Mit dem Angriff gegen eine Kirche wurde laut Experten eine neue Dimension erreicht.

von
D. Pomper/ P. Michel
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Nachdem in den letzten Wochen und Monaten im Namen der Terrormiliz IS Attentate auf Konzertveranstaltungen, Festparaden oder Flughäfen verübt wurden, kam es nun erstmals zu einem Angriff in einer katholischen Kirche.

Nachdem in den letzten Wochen und Monaten im Namen der Terrormiliz IS Attentate auf Konzertveranstaltungen, Festparaden oder Flughäfen verübt wurden, kam es nun erstmals zu einem Angriff in einer katholischen Kirche.

AP/Francois Mori
Für Gilbert Casasus, Frankreich-Experte und Professor für Europastudien, ist klar: «Das ist ein Zeichen eines Religionskrieges.» Der Angriff auf den 86-jährigen Pfarrer könne als «Rache für die Kreuzzüge während des Mittelalters» interpretiert werden.

Für Gilbert Casasus, Frankreich-Experte und Professor für Europastudien, ist klar: «Das ist ein Zeichen eines Religionskrieges.» Der Angriff auf den 86-jährigen Pfarrer könne als «Rache für die Kreuzzüge während des Mittelalters» interpretiert werden.

epa/Julien Paquin
Der Religionswissenschafter Perry Schmidt-Leukel von der Universität Münster dagegen warnt davor, von einem Religionskrieg zu sprechen: «Bei einem Religionskrieg müssen die kriegerischen Attacken von beiden Seiten religiös motiviert sein. Ausserdem kann man nicht den ganzen Islam für einzelne Attentate verantwortlich machen.» Im Bild: Präsident Hollande schüttelt dem Sicherheitspersonal die Hände.

Der Religionswissenschafter Perry Schmidt-Leukel von der Universität Münster dagegen warnt davor, von einem Religionskrieg zu sprechen: «Bei einem Religionskrieg müssen die kriegerischen Attacken von beiden Seiten religiös motiviert sein. Ausserdem kann man nicht den ganzen Islam für einzelne Attentate verantwortlich machen.» Im Bild: Präsident Hollande schüttelt dem Sicherheitspersonal die Hände.

Nachdem in den letzten Wochen und Monaten im Namen der Terrormiliz IS Attentate auf Konzertveranstaltungen, Festparaden oder Flughäfen verübt wurden, kam es nun erstmals zu einem Angriff in einer katholischen Kirche. Zwei Männer drangen in ein nordfranzösisches Gotteshaus ein und schnitten einem 86-jährigen Pfarrer die Kehle durch. Die Terrormiliz IS hat die Verantwortung für den Angriff übernommen.

Für Gilbert Casasus, Frankreich-Experte und Professor für Europastudien, ist klar: «Das ist ein Zeichen eines Religionskrieges.» In Rouen – Geburtsort des Präsidenten Hollande – habe es zahlreiche Kirchen, weshalb der Ort auch «die Stadt der hundert Kirchtürme» genannt werde. Der Angriff auf den 86-jährigen Pfarrer könne als «Racheakt auf die Kreuzzüge während des Mittelalters» interpretiert werden. Dass die Geiselnahme ausgerechnet in Saint-Etienne-du Rouvray passiert ist, erstaunt Casasus nicht. «Es handelt sich um eine Vorstadt, in der viele Einwanderer der zweiten oder dritten Generation leben und es grosse soziale Probleme gibt.»

«Nicht den ganzen Islam verantwortlich machen»

Der Religionswissenschafter Perry Schmidt-Leukel von der Universität Münster dagegen warnt davor, von einem Religionskrieg zu sprechen: «Bei einem Religionskrieg müssen die kriegerischen Attacken von beiden Seiten religiös motiviert sein. Ausserdem kann man nicht den ganzen Islam für einzelne Attentate verantwortlich machen.»

Es sei aber kein Geheimnis, dass der Islamische Staat gegenüber Christen und Juden zu einer aggressiven Haltung tendiere: «Schon im Irak und in Syrien wurden Christen dazu gezwungen, sich zum Islam zu bekehren oder als Bürger zweiter Klasse eine Abgabe zu bezahlen.» Jesiden, die von den Islamisten als Teufelsanbeter bezeichnet wurden, hätten keine Wahl gehabt.

«Terror gegen Katholizismus ist neue Stufe der Gewalt»

Schmidt-Leukel plädiert für eine «bessere und intensivere Beziehung» zwischen Christen und Muslimen: «Wir müssen das Misstrauen überwinden, indem wir aufeinander zugehen. Wir dürfen nicht die kruden Vorstellungen einzelner Fanatiker auf alle Muslime übertragen.»

Simon Spengler, Sprecher der Katholischen Landeskirche Zürich, sagt: «Dass der IS seinen Terror jetzt auch gegen die katholische Kirche richtet, ist eine neue Stufe der Gewalt, die mit dieser grauenhaften Tat überschritten wurde.» An einen Religionskrieg glaubt aber auch Spengler nicht: «Der IS handelt ja nicht im Namen des Islam und verfolgt keine religiösen Motive, sondern ist eine Verbrecherorganisation, die den Glauben für ihre terroristischen Zwecke missbraucht.»

Bernard Bovigny, Sprecher der Schweizerischen Bischofskonzferenz, pflichtet bei: «Das ist auf keinen Fall der Beginn eines Religionskriegs, weil es für einen Krieg immer zwei Parteien braucht. Die katholische Kirche ist jedoch kein Feind des Islams.» Auch seien die Attentäter «keine echten Muslime», sondern «fehlgeleitete Gläubige, welche die Friedensbotschaft von Gott nicht verstanden haben». Jetzt mehr Schutzmassnahmen für Gottesdienste in der Schweiz zu ergreifen, wäre praktisch unmöglich. Zudem kann absolute Sicherheit niemals gewährleistet werden. «Natürlich hoffen wir, dass der Terror gegen alle Menschen aufhört – doch jede Gefahr können wir nicht verhindern.»

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