Aktualisiert 07.12.2010 18:07

Lohnverhandlung bei Lidl

«Das ist eine Mogelpackung»

Bei Lidl gilt ab März ein Gesamtarbeitsvertrag. Der Mindestlohn beträgt monatlich 3800 Franken. Die Gewerkschaft Unia spricht von Effekthascherei.

von
Sandro Spaeth
Vertrater von Syna, Lidl und KV Schweiz. Aussen vor bleib die Gewerkschaft Unia.

Vertrater von Syna, Lidl und KV Schweiz. Aussen vor bleib die Gewerkschaft Unia.

Am Discounter Lidl scheiden sich die Geister: Die einen mögen seine Preispolitik, die anderen kritisieren die angeblich schlechten Arbeitsbedingungen. Nun ist Lidl, der in der Schweiz mit 56 Märkten vertreten ist, in die Offensive gegangen und vermeldet heute den Abschluss eines Gesamtarbeitsvertrags (GAV) mit der Gewerkschaft Syna und mit KV Schweiz.

«Der ausgehandelte Vertrag ist im Vergleich zu den Bedingungen bei anderen Discountern gut», sagt Carlo Mathieu, Branchenleiter Detailhandel bei der Gewerkschaft Syna zu 20 Minuten Online. Die Eckdaten sind 13 Mal 3800 Franken Mindestlohn (Referenzmindestlohn für ungelerntes Personal, 20-jährig) sowie eine von 42 auf 41 Stunden gesenkte Wochenarbeitszeit. Mathieu betont zudem, dass die vereinbarten Löhne verbindlich sind und für die nächsten drei Jahre gelten. Bei den von Aldi kommunizierten Anstellungsbedingungen handle es sich dagegen nur um eine Selbstdeklaration.

Aldi auf den ersten Blick mit höchstem Stundelohn

Betrachtet man lediglich die Mindestlöhne, steht Lidl mit 3800 Franken (41-Stunden--Woche) nicht schlecht da. Bei Coop betragen die Minimalsaläre im Jahr 2011 für ungelerntes Personal mit 3810 Franken fast gleich viel. Mehr zahlt ab 2011 Discounter Aldi: Die tiefsten Löhne betragen dort 3914 Franken. Berücksichtigt man aber, dass die Aldi-Angestellten 1 Stunde länger arbeiten, halten sich die Detaillisten in etwa die Waage (Minimalstundenlohn Aldi 23,30 Franken, Lidl 23,15 Franken, Coop 23,25). Im Gegensatz zu Migros, Coop und Lidl bezahlt Aldi aber kein Abendzuschlag.

Bei der Migros beträgt der Mindestlohn seit dem 1. Januar 2009 grundsätzlich 3700 Franken. Die Migros betont aber, dass lediglich an 2 Prozent der Angestellten der minimale Einstiegslohn ausbezahlt werde.

Harsche Kritik am Lidl-GAV übt die Gewerkschaft Unia. «Die Sache wurde hinter unserem Rücken ausgehandelt», wettert Robert Schwarzer, Branchenverantwortlicher Detailhandel. Die Unia hätte solche Bedingungen keinesfalls unterzeichnet, da die Sozialleistungen einem Vergleich mit den Branchenleadern Migros und Coop nicht Stand hielten. Zudem bemängelt Schwarzer den im GAV festgesetzten Begriff Referenzmindestlohn: Diesen darf Lidl gemäss Nachfrage von 20 Minuten Online tatsächlich je nach Region noch um 2 Prozent unterschreiten – was einen Minimallohn von 3724 Franken monatlich entspricht.

«Beschämender Vertrag»

Laut Unia wird bei Lidl das Personal bespitzelt und eingeschüchtert. Zudem sei bei Lidl niemand voll angestellt und kürzlich sei noch Duzenden von Mitarbeitern das Pensum von 80 auf 60 Prozent reduziert worden. Und im Bedarfsfall müssen die Angestellten laut Schwarzer doch länger arbeiten. Wer das nicht könne, komme unter Druck. Für die Unia ist klar: «Es ist beschämend, dass Syna und KV Schweiz solche Machenschaften durch einen Gesamtarbeitsvertrag legitimieren.» Dieser Vertrag sei eine Mogelpackung.

Weiter kritisiert die Unia, dass der gesamte Inhalt des GAV nicht öffentlich ist. Die Gewerkschaft spricht von einem falschen Spiel. Dem entgegnet Syna: «Zuerst sollen die betroffenen Mitarbeiter vollumfänglich informiert werden. Darum haben wir nur die Eckpunkte veröffentlicht», so Mathieu. Man hätte aber nichts zu verbergen und gehe davon aus, dass später der ganze Inhalt publik werde.

Das sagt Lidl zur Kritik von Unia:

«Mit unserem GAV haben wir eine gute Lösung mit zwei wichtigen Partnern im Detailhandel gefunden», so Lidl-Sprecherin Paloma Martino. Die Zusammenarbeit mit Syna und KV Schweiz sei konstruktiv gewesen und man habe Verbesserungen gegenüber dem heutigen Zustand erreicht. Zum Vorwurf, Lidl hätte die Pensen der Angestellten unter Druck reduziert sagt Martino: «Mir ist kein derartiges Vorgehen bekannt.» Zudem hätte Lidl im Verkauf auch zu 100 Prozent beschäftigtes Personal.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.