Basel: «Das ist kein Leben so» – Krankenkasse lässt Patient ohne Zähne

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Basel«Das ist kein Leben so» – Krankenkasse lässt Patient ohne Zähne

Seit bald einem Jahr wartet Bruno Denger nach einem Unfall auf seine Zahnimplantate. Die Krankenkasse weigert sich die Kosten zu übernehmen, weil scheinbar niemand die ursprünglichen Röntgenbilder hat.  

von
Vanessa Travasci
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Bruno Denger verunfallte im Dezember 2021 schwer. Vier Zähne mussten im Universitätsspital Basel gezogen werden. Seither hat er ein Provisorium im Mund und wartet auf die dauerhaften Implantate. Die Groupe Mutuel weigert sich, diese zu zahlen, obwohl der Rentner dafür versichert ist. 

Bruno Denger verunfallte im Dezember 2021 schwer. Vier Zähne mussten im Universitätsspital Basel gezogen werden. Seither hat er ein Provisorium im Mund und wartet auf die dauerhaften Implantate. Die Groupe Mutuel weigert sich, diese zu zahlen, obwohl der Rentner dafür versichert ist. 

20min/Vanessa Travasci
Seit dem Unfall sei der 78-Jährige von Formularen «beschossen worden». Er füllte alles aus, schickte Dokumente mehrmals ein. Das erste Unfallprotokoll sei fehlerhaft ausgefüllt worden. Ein nachgereichtes Unfallprotokoll des Zahnarztes reichte nicht aus.

Seit dem Unfall sei der 78-Jährige von Formularen «beschossen worden». Er füllte alles aus, schickte Dokumente mehrmals ein. Das erste Unfallprotokoll sei fehlerhaft ausgefüllt worden. Ein nachgereichtes Unfallprotokoll des Zahnarztes reichte nicht aus.

20min/Vanessa Travasci
Nach den Unterlagen, die 20 Minuten vorliegen, wurden mehrere Kostenvoranschläge gemacht. Auch habe Bruno Denger immer wieder das Gespräch gesucht. 

Nach den Unterlagen, die 20 Minuten vorliegen, wurden mehrere Kostenvoranschläge gemacht. Auch habe Bruno Denger immer wieder das Gespräch gesucht. 

20min/Vanessa Travasci

Darum gehts

«Am meisten fehlt mir das Grillieren», sagt Bruno Denger. Auch die Wildsaison könne er vergessen. «Ich kann nichts Hartes beissen, verlor in den letzten Monaten an Appetit und folglich an Gewicht. Das ist kein Leben so», sagt der 78-Jährige. Der Rentner sei Anfang Dezember 2021 vor seinem Haus schwer verunfallt. Vier Frontzähne mussten gezogen werden. Seither lebt er mit einem Provisorium im Mund und wartet seit bald einem Jahr auf die bewilligte Kostengutsprache über 5927 Franken für Implantate, obwohl er bei der Krankenkasse Groupe Mutuel dafür versichert ist.

Am meisten habe ihn enttäuscht, dass nicht mal auf eingeschrieben Briefe an die Krankenkasse eine Antwort kam. Er sei von Frage-Formularen «beschossen» worden, suchte vieles selbstständig im Internet und schickte die geforderten Unterlagen mehrmals ein. Erfolglos. «Es ist weder in seinem, noch in unserem Sinne, dass er so lange warten muss», sagt auch Lisa Flückiger, Mediensprecherin der Krankenkasse Groupe Mutuel. Es handle sich um einen komplexen Fall.

«Ich habe an Appetit und Gewicht verloren. Das ist kein Leben so»

Bruno Denger, Geschädigter

«Wir warten noch immer auf die ursprünglichen Röntgenbilder, die beweisen, dass alle vier Zähne betroffen sind», so Flückiger. «Wir haben nun alle beteiligten Ärzte nochmals aufgefordert, die ursprünglich angeforderten Röntgenbilder zu suchen», so Flückiger. Diese seien im Besitz der Ärzte. 

Bei welchem Arzt genau, lässt sich nicht restlos klären. «Unsererseits ist keine Pendenz mehr offen», so Caroline Johnson, Mediensprecherin des Universitätsspital Basel. Bei der Kieferchirurgie des Spitals war Bruno Denger nach dem Unfall in Behandlung. Dort ist auch der benötigte Eingriff geplant. Offen bleibt, ob die benötigten Bilder noch bei seinem Zahnarzt sind.

«Ich möchte mich zu einem laufenden Versicherungsfall nicht äussern», so der behandelnde Zahnarzt. Er könne nur mitteilen, dass die Kommunikation im Fall schwierig sei, da die Informationen nicht gleichzeitig an alle betroffenen Parteien weitergegeben werden können, da so viele involviert seien. Denger gegenüber soll er versichert haben, dass sämtliche Bilder weitergeleitet worden seien.

«Das Zusammenspiel von Arzt, Patient und Krankenkasse hat in diesem Fall nicht sehr gut funktioniert»

Lisa Flückiger, Mediensprecherin Groupe Mutuel

Die akribisch aufbewahrten Akten zum Fall, die 20 Minuten vorliegen, zeigen einen Berg an Bürokratie. Mehrmals verschickte das Universitätsspital Kostenvoranschläge. Etliche Mails und Briefe wurden zwischen den beteiligten Parteien hin und her gesendet. Bruno Denger suchte am Schluss einen Psychiater auf, da ihn die Situation stark belastet habe. In einem Brief an die Groupe Mutuel bat er um einen baldigen Entscheid und schrieb: «Ich will wieder recht essen können».

Die Krankenkasse gesteht Fehler ein. «Wir hätten mit mehr Nachdruck die fehlenden Dokumente einfordern sollen. Auch hätten wir Herrn Denger gerne «kommunikativ enger begleitet», so Flückiger. Auch habe das Zusammenspiel von Arzt, Patient und Krankenkasse in diesem Fall nicht sehr gut funktioniert. 

Es sei aber auch wichtig, dass die involvierten Ärzte die benötigten Dokumente an den Versicherer senden. «Wir setzen alles daran, um Herrn Denger zu unterstützen und eine baldige Lösung seiner Situation zu finden», schliesst die Mediensprecherin. Er habe jetzt eine direkte Kontaktperson bei der Krankenkasse, die sich seinem Fall angenommen hat.

«Dass rechtmässige Zahlungen nicht stattfinden, kennen wir»

Isabelle Viva, Patientenstelle Basel

Die Patientenstelle Basel überrascht dieser Fall nicht. «Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es so lief», so Isabelle Viva, Beraterin bei der Patientenstelle Basel, gegenüber 20 Minuten. «Wir prüfen im Allgemeinen die Sorgfaltspflicht von Ärzten und Spitälern, ebenfalls können wir Rechnungen und Zahlungen von Versicherungen überprüfen. Dass Versicherungen sich weigern zu zahlen, kennen wir», sagt die diplomierte Pflegefachfrau weiter.

Fände trotz Anspruchsberechtigung keine Zahlung statt, könne eine beschwerdefähige Verfügung angefordert werden. «Dann sind Krankenkassen beispielsweise dazu verpflichtet Stellung zu nehmen, warum sie trotz Einhalten aller Bestimmungen nicht zahlen», so die diplomierte Pflegefachfrau. Wichtig sei, dass alle geforderten Akten vorhanden sind.

Die Patientenstelle Basel bietet Informationen und Auskunft über die Rechte von Patientinnen und Patienten an. Sie vermittelt bei Konflikten, kann Gutachten vermitteln,  unterstützt bei Schadenersatzansprüchen und bietet juristische Beratung an. Sie kann mit einer Vollmacht von Patientinnen und Patienten Akteneinsicht verlangen bei involvierten Parteien und die Sorgfaltspflicht derer überprüfen. Die Beratung erfolgt in einem Erstgespräch telefonisch. Bei Bedarf folgen persönliche Gespräche. Es werden auch Beratungen zum Thema Krankenkasse und Patientenverfügung angeboten.

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