Aktualisiert 06.07.2012 07:45

Historischer Zinsentscheid

«Das ist kein Wendepunkt in der Euro-Krise»

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins erstmals unter ein Prozent gesenkt. Für Spitzenökonom Klaus Wellershoff ist das aber höchstens ein kleiner Schritt zur Stabilisierung der Eurozone.

von
S. Spaeth
Klaus Wellershoff ist einer der bekanntesten Ökonomen der Schweiz. Zwischen 1997 und 2009 war der gebürtige Deutsche Chefökonom der UBS. Heute ist der 48-Jährige CEO der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners.

Klaus Wellershoff ist einer der bekanntesten Ökonomen der Schweiz. Zwischen 1997 und 2009 war der gebürtige Deutsche Chefökonom der UBS. Heute ist der 48-Jährige CEO der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners.

Herr Wellershoff, die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins auf 0,75 Prozent gesenkt. Weshalb?

Sie will damit ein Zeichen setzen. Die Zentralbank sieht, dass sich die Konjunktur in Europa verschlechtert und Europas Wirtschaft geldpolitische Unterstützung braucht. Die EZB will den Menschen, den Unternehmern und den Finanzmärkten zeigen, dass sie alles dafür tut, um das Wachstum zu unterstützen.

Die EZB hat mit diesem Schritt lange gewartet. Zu lange?

Dieses Verhalten passt in den politischen Kalender der Eurozone. Wir hatten letzte Woche einen EU-Gipfel in Brüssel, wo es unter anderem um einen Wachstumspakt und um Soforthilfen für Spanien und Italien ging. Die EZB hat in Kenntnis der beschlossenen Dinge entschieden. Das passt zum bisherigen Verhalten.

Wer sind die Profiteure der Zinssenkung?

Es geht um eine vertrauensbildende Massnahme in den Euro. In dem Masse, wie die EZB signalisiert, das System des Euros zu unterstützen, profitieren alle Mitglieder der Eurozone. Es ist aber nur ein kleiner Schritt.

Ist es realistisch, dass dank noch billigerem Geld die Konjunktur massgeblich angekurbelt wird?

Nein, es geht hauptsächlich ums Signal. Aufgrund des billigen Geldes werden sich die Kreditbedingungen in der Eurozone nicht verbessern. Das ist aber auch nicht nötig. Schon vor Monaten hat die EZB den europäischen Finanzsektor mit unbegrenzter Liquidität versorgt.

Wie wirkt sich der gesenkte Leitzins auf die Euro-Krise aus? Wird nun endlich alles besser?

Das wäre eine Überinterpretation. Die Euro-Krise wird nicht mit einer zögerlichen Zinssenkung gelöst. Die Konjunkturaussichten in Europa sind düster. Hier will die EZB Gegensteuer geben. Mit einem Wendepunkt in der Euro-Krise hat die Zinssenkung nichts zu tun.

Man hat den Eindruck: «Die Politik wurstelt, die EZB handelt.»

Diese Meinung teile ich nicht. Politik ist Politik. Hier geht es ums Aushandeln von Interessen und Kompromissen. Mit der Senkung hat sich die EZB so benommen, wie sich eine EZB benehmen muss. Mehr ist nicht passiert. Hätte die EZB wirklich etwas zur Lösung der Euro-Krise unternehmen wollen, müsste sie anders handeln.

Wie denn?

Entspannung brächte die Zusage, dass die EZB im grossen Stil Staatsanleihen von angeschlagenen Euroländern aufkaufen würde. In dieser Sache hält sich die Zentralbank aber bisher vornehm zurück.

Was bedeutet die Zinssenkung für den Euro-Frankenkurs? Wird die Nationalbank endlich entlastet?Man muss sich die Frage stellen, weshalb der Franken so stark ist. Es hat unserer Ansicht nach mit der viel tieferen Inflationserwartung in der Schweiz im Vergleich zur Eurozone zu tun. Mit der Zinsanpassung um 0,25 Prozent dürfte sich daran nichts ändern. Folglich bleibt der Franken weiterhin stark und der Euro wird beim Mindestkurs 1.20 Franken bleiben.

Was bedeutet die Zinssenkung für die Zinsen in der Schweiz?

Die Zinsen in der Schweiz sind praktisch bei null. Die Nationalbank kann nicht mehr weiter runter. Weil die konjunkturelle Lage hierzulande ebenfalls prekär ist, dürfte sich am Zinsumfeld in der Schweiz in den nächsten Monaten und Quartalen nichts ändern.

Leitzins erstmals unter einem Prozent

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Kampf gegen die Finanz- und Schuldenkrise ihren Leitzins von 1,0 auf 0,75 Prozent gesenkt. Damit liegt der Schlüsselzins für die europäischen Banken erstmals in der EZB-Geschichte unter einem Prozent. An den Märkten war erwartet worden, dass der Zins um einen Viertel Prozentpunkt gekappt wird, da dadurch die Refinanzierungsbedingungen für die unter der Krise ächzenden Banken einfacher werden. Der EZB-Rat senkte auch den sogenannten Einlagezinssatz, den Zins, den Banken von der EZB gutgeschrieben bekommen, wenn sie Geld bei ihr parken. Er sinkt von 0,25 auf 0,00 Prozent.

Auch der Zins, den Banken zahlen müssen, wenn sie sich kurzfristig Liquidität bei der Notenbank besorgen müssen, sinkt - und zwar von 1,75 auf 1,5 Prozent. Die Gründe für die Beschlüsse wird EZB-Präsident Mario Draghi am Nachmittag vor den Medien erläutern. Niedrige Zinsen verbilligen Kredite. Das erhöht tendenziell die Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der Konsumenten - und kann so die Konjunktur ankurbeln. Zugleich befeuern niedrige Zinsen aber die Inflation.

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