Frankreich: «Das ist mein ganzes Leben, das in Rauch aufgeht»

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Frankreich«Das ist mein ganzes Leben, das in Rauch aufgeht»

Bei Bordeaux im Südwesten Frankreichs ist einer der grossen Waldbrände wieder aufgeflammt, die Rettungskräfte evakuieren Tausende Menschen. Doch nicht alle wollen ihr Haus verlassen.

von
Karin Leuthold

Mehr als 1100 Einsatzkräfte haben am 11. August 2022 weiter gegen die Waldbrände in der Region Gironde, südlich von Bordeaux, gekämpft.

20 Minuten

Darum gehts

Ein verheerender Waldbrand breitet sich weiter in der Region Gironde, südlich von Bordeaux, aus. 7400 Hektaren Land wurden in den letzten 24 Stunden bereits von den Flammen zerstört, rund 1100 Einsatzkräfte und zahlreiche Helikopter- und Flugzeug-Crews kämpfen derzeit gegen die Flammen an. Feuerwehrteams aus Deutschland, Polen, Österreich, Rumänien, Schweden und Kanada befinden sich auf dem Weg nach Frankreich, um die lokalen Kräfte zu unterstützen. «Unsere Partner helfen Frankreich», bedankte sich Präsident Emmanuel Macron via Twitter. 

10'000 Menschen wurden mittlerweile evakuiert, viele Ortschaften verwandelten sich innerhalb von Stunden in Geisterdörfer. Die Feuerwehr hat das Städtchen Belin-Béliet abgeriegelt, 4500 Menschen wurden in Sicherheit gebracht. Belin-Béliet ist menschenleer – bis auf ein paar wenige, die sich weigern, ihre Häuser und ihre Tiere zu verlassen. 

«Ich habe nicht den Mut zu gehen»

«Ich bin seit genau 50 Jahren hier, wie soll ich von da weggehen?», sagt François zu TF1. Zusammen mit seiner Frau Jeanine hält er Wache. Mitten in der Nacht bedrohten die Flammen direkt die Wohnhäuser. Eine bereits evakuierte Nachbarin kehrte nach einigen Stunden zurück, sie konnte ihr Haus unter den Rauchwolken nicht sehen: «Das ist mein Haus, ich weiss nicht, ob es verbrannt ist oder nicht. Das ist mein ganzes Leben, das in Rauch aufgeht», meinte sie verzweifelt. Auch José hat, wie er selbst sagt, «nicht den Mut zu gehen». Die Flammen sind gerade mal bis zu seinem Garten vorgedrungen. 

Einige Freiwillige kamen am Donnerstagmorgen zu Hilfe. «Ich habe Ferien. Anstatt zu Hause zu sitzen und nichts zu tun, versuche ich, eine helfende Hand zu spenden, um die Feuerwehr zu entlasten», sagte einer der Helfer.

Brände als Folge des Klimawandels

Die verheerenden Waldbrände an der Atlantikküste beleben immer wieder die Klimaschutzdebatte in Frankreich. Einer, der Macrons «Untätigkeit» hinsichtlich des Klimawandels am lautesten kritisiert, ist Julien Bayou, Chef der Partei Europe Ecologie-Les Verts (EELV).

Besonders verärgert war der Grüne, als die französische Regierung kürzlich ankündigte, das Becken von Arcachon neu aufzuforsten, während gleichzeitig keine neuen Klimaschutzmassnahmen entwickelt werden. Plante Macron in seiner ersten Amtszeit, den Anteil der Kernenergie auf 50 Prozent zu reduzieren, sieht die Lage heute ganz anders aus: Frankreich arbeitet am Bau 14 neuer Kernreaktoren, wie die FAZ berichtet.

Dass die sich häufenden Waldbrände auf Extremwetter und letztlich auf den Klimawandel zurückzuführen sind, davon ist Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgen-Forschung überzeugt. Wie er in einem Interview mit 20 Minuten sagte: «Die Klimakrise kann nur abgemildert werden, wenn sich die Mehrheit der Nationalstaaten ihrer Verantwortung noch stärker bewusst wird und auch dementsprechend handelt.» 

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