Aktualisiert 09.08.2011 14:05

Krawalle in Tottenham«Das ist nur ein kurzer Blick in den Abgrund»

Im Norden Londons hat es schon lange gebrodelt: Tottenham zählt zu den ärmsten Gegenden Grossbritanniens. In der Nacht von Samstag auf Sonntag ging der wütende Mob auf die Strasse.

von
kub

Bei schweren Krawallen im Londoner Stadtteil Tottenham sind in der Nacht zum Sonntag nach Polizeiangaben 26 Beamte verletzt worden. 46 Randalierer wurden festgenommen. Anlass der Ausschreitungen war der Tod eines 29-Jährigen bei einem Polizeieinsatz in der vergangenen Woche unter noch ungeklärten Umständen. Eine zunächst friedliche Demonstration artete in Unruhen aus, als bis zu 500 wütende Anwohner sich vor dem Polizeirevier versammelten und es zu stürmen versuchten.

Die Unruhen brachen aus, nachdem am Donnerstag ein Mann bei einer Schiesserei mit der Polizei getötet wurde. Nach Angaben der Sicherheitskräfte versammelten sich etwa 300 Menschen vor der Polizeiwache in dem nördlichen Londoner Stadtteil. Teilnehmer der Proteste sprachen von bis zu 500 wütenden Anwohnern, die in Sprechchören «Gerechtigkeit» forderten.

Schlimmer Tag danach

Randalierer steckten Gebäude, einen Doppeldeckerbus und mehrere Streifenwagen in Brand und verwüsteten ein Einkaufszentrum. Schaufensterscheiben wurden eingeschlagen und Geschäfte geplündert. Scotland Yard-Sprecher Stephen Watson bezeichnete die Vorfälle als besorgniserregend und erklärte, die öffentliche Sicherheit habe höchste Priorität. Die Polizei sei sich im Klaren über die «gestiegenen Spannungen (...), die verständlich sind nach dem tragischen Tod».

«Es sieht wirklich schlimm aus», sagte der 46-jährige Anwohner David Akinsanya. «Da brennen zwei Polizeiautos, ich fühle mich unsicher.» Polizisten in Schutzausrüstung und auf Pferden bemühten sich, die wütende Menge zurückzutreiben. In den Strassen machten sich Plünderer mit Einkaufswagen voller gestohlener Sachen davon.

Ein ehemaliger leitender Polizeibeamter bei Scotland Yard, John O'Connor, fühlte sich an die tödlichen Unruhen in Tottenham 1985 erinnert und verwies auf die Olympischen Sommerspiele in London in einem Jahr. «Das ist nur ein kurzer Blick in den Abgrund», sagte er dem Fernsehsender Sky News zu den nächtlichen Ausschreitungen. «Jemand hat die Uhr zurückgedreht und man kann sehen, was unter der Oberfläche steckt. Und wo die Olympischen Spiele bevorstehen, heisst das nichts Gutes für London.»

Tödliche Ausschreitungen im Jahr 1985

Tottenham liegt im Norden der britischen Hauptstadt und ist als sozialer Brennpunkt bekannt. Immer wieder schlagen dort Spannungen, bei denen zum Teil auch Rassismus im Spiel ist, in Gewalt um. Die schlimmsten Ausschreitungen brachen 1985 aus, nachdem eine Frau während einer Razzia der Polizei in ihrem Haus an einem Schlaganfall starb. Ein Polizist, der eine Gruppe Feuerwehrmänner schützen wollte, wurde damals von einem wütenden Mob zu Tode geprügelt. Etwa 60 weitere Beamte mussten mit zum Teil schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden.

Etwas mehr als zehn Kilometer von der Londoner Innenstadt entfernt, zählt Tottenham zu den ärmsten Gegenden Grossbritanniens. Fast die Hälfte aller Kinder lebt hier Untersuchungen zufolge in Armut. Der Anteil der Ausländer zählt zu den höchsten im ganzen Land.

Video: BBC live bei den Ausschreitungen (YouTube)

Video: Nach den Krawallen in Tottenham (YouTube) (kub/dapd)

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