«Love Life»-Kampagne: «Das ist nur Pornografie»
Aktualisiert

«Love Life»-Kampagne«Das ist nur Pornografie»

Die «Love Life»-Kampagne des BAG erntet nicht nur Lob. Sie wird auch von einem Mann kritisiert, für den Provokation sein täglich Brot ist: Ex-Benetton-Fotograf Oliviero Toscani.

von
Patrick Mancini/ dos

Echte Pärchen zeigen sich in der neuen «Love Live»-Kampagne des Bundesamts für Gesundheit beim Sex. Viele wollten es ihnen gleichtun.

Die Bilder ernten aber auch Kritik. Oliviero Toscani, der italienische Fotograf und Werbe-Guru, der vor allem in den 90er- Jahren mit seiner provokativen Benetton-Kampagne für Aufregung sorgte, verurteilt die Berner Idee. International bekannt sind beispielsweise seine Bilder von nackten Magersuchtkranken, blutverschmierter Soldatenkleidung und Todeszelleninsassen.

Oliviero Toscani, was halten Sie von der neuen «Love Life»-Kampagne?

Das ist nur Pornografie. Damit banalisiert man das Aids-Problem nur.

Was können Sie dabei am wenigsten ausstehen?

Alles. Das einzig Wahre in diesen Fotos ist die Tatsache, dass die Darsteller Sex haben. Nein, sogar das ist falsch, weil es nicht natürlich passiert. Ich sehe nichts Originelles, nichts, was wirklich zum Denken anregt. Es ist wirklich eine Idee mit schlechtem Geschmack. So etwas interessiert niemanden.

Und doch spricht man von Provokation …

... nein. Provokation ist etwas Positives. Diese Kampagne ruft aber nichts hervor, nur Leere. Alle wissen, wie man Sex hat. Es ist nicht nötig, dass man es ausdrücklich zeigt. Es tut mir leid, aber sie sagt einfach nichts aus. Eine kreative Person muss fähig sein, ein Konzept auf eine andere Art und Weise auszudrücken und mehr als nur Stereotype zu zeigen. Können Sie sich noch an meine farbigen Kondome erinnern?

Ja. Damals sorgten sie für starke Kritik.

Genau, aber sie hatten etwas Poetisches, regten zur Reflexion an. Hier hingegen handelt es sich um Voyeurismus. Ich habe den Eindruck, dass diese Idee von Leuten bewertet und entwickelt wurde, die keine Ahnung von Werbung haben – von Bürokraten.

Wie müsste man, Ihrer Meinung nach, das Thema angehen?

Das Thema Aids ist viel tiefgründiger, als es in dieser Kampagne dargestellt wird. Alle wissen, dass die Krankheit auf diese Weise übertragen wird. Solche Bilder zu verwenden, ist unnötig. Das Problem ist, dass heute das Thema Aids aus der Mode gekommen zu sein scheint. Und es scheint nur die Personen zu interessieren, die wegen Aids sterben. Man müsste also nicht die Reflexion über den Sexakt anregen, sondern darüber, wie die moderne Gesellschaft mit Aids umgeht und dem entgegenwirken kann.

«Ich bin angeekelt»

Keine Freude zeigt auch CVP-Nationalrat Fabio Regazzi: «Einerseits finanziert der Bundesrat nationale Programme, um Junge vor Gewalt und Pornografie in den Medien zu schützen und gleichzeitig gibt er öffentliche Gelder für etwas aus, das Pornografie lobt, anstatt das richtige Ziel zu verfolgen: über Aids sensibilisieren.»

Paolo Beltraminelli, CVP-Staatsrat, spricht sogar eine direkte Kritik aus: «Ich frage mich ob Roger Staub, der Verantwortliche einer solcher Schandtat, überhaupt noch seine Stelle hat.» Er plane einen parlamentarischen Vorstoss in Bern, «damit das nie wieder vorkommt». Er fühle sich von der Kampagne angeekelt.

(dm/dos)

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