Aktualisiert 23.07.2018 21:13

Debatte um Özil«Das ist Rassismus, eindeutig»

Mesut Özil sei in der Nationalmannschaft für seine Wurzeln kritisiert worden, so ein Experte. Er sieht ein problematisches Muster bei der Integration von türkischstämmigen Deutschen.

von
Stefan Strittmatter
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13. MaiAm Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.»

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Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot.

Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot.

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14. MaiDer DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.»

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jan Hetfleisch

Mit seinem überraschenden Austritt aus der deutschen Nationalmannschaft am Sonntag heizt Mesut Özil die Debatte um türkischstämmige Deutsche erneut an. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat dem Fussballer Respekt für seine Leistung gezollt. Deutschland sei ein «weltoffenes Land», hiess es am Montag in Berlin. Doch der Sozialforscher und Türkeikenner Ahmet Toprak von der Fachhochschule Dortmund erkennt im Fall Özil ein grundlegendes Muster, wonach Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland generell einen schweren Stand haben.

Herr Toprak, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie vom Austritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft hörten?

Natürlich war es von Mesut Özil und seinem Teamkollegen Ilkay Gündogan ein Fehler, sich im Vorfeld der WM mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren zu lassen. Ich denke, das haben die beiden auch eingesehen. Was aber danach geschah, hat mit dem Foto nichts zu tun. Hier entzündeten sich rassistische Gedanken, die im Keim schon lange zu spüren sind in Deutschland.

Sie sprechen von Ressentiments gegenüber türkischstämmigen Mitbürgern?

Genau. Man muss ja auch sehen, dass Özil nicht nur für seine sportlichen Leistungen kritisiert wurde, sondern für seine Wurzeln. Er ist wie sein Vater in Deutschland aufgewachsen, besitzt ausschliesslich den deutschen Pass, wird aber dennoch von vielen als Türke wahrgenommen. Und als solcher gilt für ihn nicht der gleiche Massstab wie für andere Fussballer. Langzeitstudien belegen, dass circa 30 bis 35 Prozent der deutschen Bevölkerung Muslimen gegenüber Vorbehalte hat oder Muslime ablehnt. Das hat sich jetzt entzündet.

Haben deutsche Nationalspieler wie Özil einen schwereren Stand als etwa Jérôme Boateng?

Ja. Boateng oder Sami Khediara haben zum Beispiel jeweils eine deutsche Mutter. Diese Spieler haben es aufgrund ihrer bikulturellen Herkunft einfacher, von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden. Für sie ist es auch einfacher, sich zu Deutschland zu bekennen.

Ist das ein Gefühl, das türkischstämmige Bürger in Deutschland kennen?

Ja. Mit türkischer Abstammung muss man in Deutschland stets 105 Prozent leisten, um für voll genommen zu werden. Stärken werden von der Öffentlichkeit wenig beachtet, während Fehler in der Wahrnehmung stark gewichtet werden.

Wie wirkt sich Özils Entscheidung auf das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland aus?

Ich beobachte zwei Ebenen: In der türkischen Presse wird Özils Schritt als konsequente Haltung gefeiert. In Deutschland jedoch sehen sich die türkischstämmigen Mitbürger in ihrem Gefühl bestärkt, dass sie hier nicht wirklich erwünscht sind. Oder nur so lange, wie sie eine überdurchschnittliche Leistung erbringen.

Kann man von Rassismus sprechen?

Das ist latenter und offensichtlicher Rassismus, eindeutig.

Wie wird Özils Austritt von der türkischen Diaspora aufgefasst?

Hier bestätigen sich Dinge, die die Türkischstämmigen bereits gefühlt haben. Die Opferhaltung wird sich leider bei einigen weiter verstärken.

Kommt jetzt Bewegung in die Debatte um die nationale Identität?

Die Debatte wird bestimmt angeheizt. Das Problem ist, dass sich beide Lager in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Die Kritiker sehen Özils Abgang als Etappensieg, auf den sie aufbauen können. Die türkischen und muslimischen Bürger haben nun einen greifbaren Beweis dafür, dass man sie hier nur duldet, nicht aber wünscht.

Denken Sie, Özil wollte mit seinem Austritt ein Zeichen setzen?

Die Fussballnationalmannschaft hat im Bezug auf Identität in einem Land natürlich eine grosse Strahlkraft. Ich fürchte aber, dass Özil nicht jenes Umdenken herbeiführen wird, das er sich womöglich erhofft hat.

Hätte Mesut Özil Ihrer Meinung nach anders reagieren sollen?

Er hätte gut daran getan, sich weiterhin über sportliche Leistungen zu empfehlen – im Verein und in der Nationalmannschaft. Andererseits weiss ich nicht, was sich da während der WM hinter den Kulissen alles abgespielt hat. Özil hat ja nur angetönt, dass es Meinungsverschiedenheiten gab zwischen ihm und dem Direktor der Deutschen Fussballverbands, Oliver Bierhoff. Persönlich halte ich Özils Entscheid, die Mannschaft zu verlassen, zum jetzigen Zeitpunkt für denkbar falsch.

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