Nause vs. Funiciello: «Das ist reine Polemik und Schnäbimessen»
Aktualisiert

Nause vs. Funiciello«Das ist reine Polemik und Schnäbimessen»

Wahlkampf-Kalkül oder eine neue Gewalt-Dimension aus linken Kreisen? Der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) und Jungpolitikerin Tamara Funiciello (Juso) im Streitgespräch.

von
Nora Camenisch/Christian Holzer
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Juso-Politikerin Tamara Funiciello und Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause kreuzen bei 20 Minuten die Klingen.

Juso-Politikerin Tamara Funiciello und Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause kreuzen bei 20 Minuten die Klingen.

20 Minuten/cho
Funiciello: «Überwachung führt nicht zu mehr Sicherheit. Es braucht Dialog, Deeskalation und erst dann ein Durchgreifen der Einsatzkräfte.»

Funiciello: «Überwachung führt nicht zu mehr Sicherheit. Es braucht Dialog, Deeskalation und erst dann ein Durchgreifen der Einsatzkräfte.»

Nause:  «Ich will die Reitschule nicht schliessen. Aber ich will beruhigt sein, wenn meine Söhne dort einmal in den Ausgang gehen. »

Nause: «Ich will die Reitschule nicht schliessen. Aber ich will beruhigt sein, wenn meine Söhne dort einmal in den Ausgang gehen. »

Nächtliche Saubannerzüge und verletzte Polizisten: Wie schätzen Sie die Situation rund um die Sicherheit in der Stadt Bern ein?

Reto Nause*: Seit Anfang Jahr hatten wir Vorfälle mit elf verletzten Polizisten, Attacken auf die Feuerwehr und Vorfälle im Perimeter der Reitschule. Gerichtspolizeiliche Ermittlungen wurden behindert. Die Situation ist untragbar.

Tamara Funiciello*: Gewalt ist klar zu verurteilen. Wir sollten nun konstruktiv nach Lösungen suchen, statt Wahlkampf zu betreiben. Den Diskurs wieder nüchtern führen.

Nause: Sie distanzieren sich nicht klar von Gewalt. Ich erwarte ein klares Statement.

Funiciello: Wir distanzieren uns klar von Gewalt.

Frau Funiciello, Sie wurden aus den eigenen Reihen dafür kritisiert, dass Sie sich zu wenig vom Warmbächli-Saubannerzug distanziert haben.

Funiciello: Die Juso hat das im ersten Schreiben nicht klar genug betont und so einen Fehler gemacht. Wir distanzieren uns von der Gewalt. Ich war selbst vor Ort und bin dann gegangen. Angekündigt war eine Sauvage.

Nause: Ich finde das so naiv. Da standen Vermummte und haben den Eingang bewacht. Jeder muss sich selbst Rechenschaft darüber ablegen, warum er an so etwas teilnimmt und warum er sich instrumentalisieren lässt.

Herr Nause, nach den Ausschreitungen rund um die Party am Warmbächliweg haben Sie mehr Überwachung gefordert. Warum?

Nause: Ich habe immer gesagt, dass die gesetzlichen Grundlagen dafür momentan nicht ausreichen. Wir haben festgestellt, dass per Handy mobilisert wurde. Wir brauchen bessere Instrumente für die Prävention und Strafverfolgung.

Funiciello: Es wurde auf Facebook mobilisert. Sie haben doch einen Facebook-Account und könnten dort nachschauen, dafür braucht es nicht einen Angriff auf die Privatsphäre. Oder haben Sie das Gefühl, dass per SMS zu Ausschreitungen aufgerufen wird?

Nause: Wir wussten, dass dort eine Party stattfindet. Von Vermummten wussten wir aber nichts. Natürlich hätte man mit mehr Überwachung präventiv mehr Möglichkeiten gehabt. Das hat nichts mit Schnüffelstaat zu tun. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Angestellten. Ich will nicht darauf warten, bis es Tote gibt.

Funiciello: Überwachung führt nicht zu mehr Sicherheit. Es braucht Dialog, Deeskalation und erst dann ein Durchgreifen der Einsatzkräfte. Das ist bei Polizeieinsätzen in Bern oft nicht der Fall. Ich erinnere an den unverhältnismässigen Polizeieinsatz bei der Hausdurchsuchung der Familie Osterhase.

Wie schätzen Sie die Situation rund um die Reitschule derzeit ein?

Nause: Im neuen Leistungsvertrag wurden keine griffigen Insturmente zur Verbesserung der Sicherheit geschaffen. Das konsterniert mich. Ich will die Reitschule nicht schliessen. Aber ich will beruhigt sein, wenn meine Söhne dort einmal in den Ausgang gehen.

Funiciello: Ich gehe dorthin, seit ich 14 bin. Mir ist noch nie etwas passiert.

Nause: Es werden Feuerwerksbatterien gezündet und Einsatzkräfte mit Hochleistungssteinschleudern angegriffen. Wir haben eine gewaltextremistische linke Szene, die Menschenleben in Kauf nimmt. Das ist ein neues Phänomen.

Funiciello: So etwas ist jenseits, das brauchen wir gar nicht zu diskutieren. Offensichtlich findet man dafür im Moment keine Lösungen. Es braucht auf beiden Seiten mehr Bereitschaft zum Dialog, feste Kontaktpersonen, weniger Vorurteile sowie demokratische Mittel, um Polizeieinsätze zu kontrollieren.

Nause: Die Polizei muss sich für alles rechtfertigen, wird ständig gefilmt bei den Einsätzen, und die Gegenseite? Ist vermummt.

Frau Funicello, Sie und Ihre Partei werfen Reto Nause vor, auf Kosten der Reitschule Wahlkampf zu betreiben.

Funiciello: Herr Nause heizt die Situation immer wieder an. Die Diskussion ist mittlerweile reine Polemik – ein Schnäbimessen. Man könnte meinen, in Bern herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände, wenn man die Medienberichte liest. So finden wir keine Lösungen.

Nause: Sie kandidieren doch auch für den Stadtrat. Ich wäre froh, ich könnte mich mehr um Umwelt- und Energiethemen kümmern.

Die Juso fordert mehr Freiräume für Jugendliche in der Stadt Bern. Wie sehen Sie das, Herr Nause?

Nause: Die Stadt hat schon viel dafür getan, beispielsweise mit dem Nachtlebenkonzept. Wir dürfen uns dem erneuten Diskurs um mehr Freiräume dennoch nicht verschliessen. Man kann die Wünsche aber auch gewaltfrei einbringen. Für 16- bis 24-Jährige sind die fehlenden Ausgehmöglichkeiten in Bern ein Problem. Es wäre eine grosse Entlastung, wenn sich nicht alles beim Bollwerk konzentrieren würde.

Funiciello: Da bin ich mit Ihnen einig. Und man darf die Zentrumslast nicht vergessen. Ich muss den Gemeinderat hier auch in Schutz nehmen, wenn die Landbevölkerung Kritik übt. Das sind auch eure Kinder, die hier in den Ausgang gehen.

*Reto Nause (CVP) ist Sicherheitsdirektor in der Stadt Bern, Tamara Funiciello Juso-Politikerin und Gewerkschaftssekretärin bei der Unia.

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