Aktualisiert 25.01.2019 07:50

Experte für Medienschutz

«Das ist so harmlos wie eine Frau im Bikini»

Ein Lehrer, der freizügige Fotos von sich postete, wird angeprangert. Zu Unrecht, findet ein Fachmann.

von
B. Zanni
1 / 7
An einer Zürcher Primarschule arbeitet ein Lehrer, der auf Instagram Bilder von sich postet, auf denen er halbnackt zu sehen ist. «Am Ende des Tages ist nur ein nackter Mann mit bedeckten Geschlechtsteilen zu sehen. Das ist so harmlos wie eine Frau im Bikini», sagt Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter bei der Swisscom.

An einer Zürcher Primarschule arbeitet ein Lehrer, der auf Instagram Bilder von sich postet, auf denen er halbnackt zu sehen ist. «Am Ende des Tages ist nur ein nackter Mann mit bedeckten Geschlechtsteilen zu sehen. Das ist so harmlos wie eine Frau im Bikini», sagt Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter bei der Swisscom.

Screenshot/Instagram
Seinen gut 20'000 Followern zeigt er sich auf Dutzenden von homoerotischen Fotos. Beispielsweise so, wie Gott ihn schuf – sein bestes Stück von einigen Bananen bedeckt.

Seinen gut 20'000 Followern zeigt er sich auf Dutzenden von homoerotischen Fotos. Beispielsweise so, wie Gott ihn schuf – sein bestes Stück von einigen Bananen bedeckt.

Screenshot/Instagram
Das findet D. N.*, deren Tochter die Schule besuchte, nicht akzeptabel. Auf Facebook hat sie einen entrüsteten Post abgesetzt, der rege diskutiert wird: «Mich interessiert nicht, was der Lehrer in seiner Freizeit macht. Aber das sind Pornobilder. Wenn es um unsere Kinder geht, kenne ich kein Pardon!»

Das findet D. N.*, deren Tochter die Schule besuchte, nicht akzeptabel. Auf Facebook hat sie einen entrüsteten Post abgesetzt, der rege diskutiert wird: «Mich interessiert nicht, was der Lehrer in seiner Freizeit macht. Aber das sind Pornobilder. Wenn es um unsere Kinder geht, kenne ich kein Pardon!»

Screenshot/Instagram

Herr In Albon, ein Lehrer sorgt mit freizügigen Fotos, die er von sich auf Instagram postete, für Entrüstung. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Bilder sahen?

Ich empfand sie nicht als störend.

Warum nicht?

Am Ende des Tages ist nur ein nackter Mann mit bedeckten Geschlechtsteilen zu sehen. Das ist so harmlos wie eine Frau im Bikini. Ein Foto – das mit den Socken – ist lustig. Punkt.

Es ist also in Ordnung, wenn sich Lehrpersonen im Internet halbnackt präsentieren?

Eine Lehrperson hat ein Recht auf ein Privatleben. Im Rahmen ihres Privatlebens darf sie auch Dinge tun, die nicht ins Klassenzimmer gehören. Zudem hat der Lehrer die Grenze zwischen Erotik und Pornografie nicht überschritten. Mit Erotik dürfen die Schüler in Kontakt kommen. Bei Pornografie sowie gewaltverherrlichenden Darstellungen handelt es sich hingegen um jugendschutzrelevante Inhalte.

Sind viele Leute einfach zu prüde für solche Bilder?

Sicher ist es realitätsfremd, wenn man einen Lehrer wegen solcher Fotos anprangert, gleichzeitig den Jugendlichen aber einen einigermassen freien Zugang zu Medien erlaubt. Viele Menschen bewerten das Auftreten gemäss ihrer eigenen Moralvorstellungen.

Wie meinen Sie das?

Wenn man von einer Lehrperson erwartet, dass sie die genau gleichen Werte vertritt wie man selbst und diese Werte auch noch als gesellschaftliches Ideal sieht, dann könnte man sich die Lehrperson als asexuelle, genormte und absolut neutrale Person vorstellen. Das ist sie aber nie und das Internet macht sichtbar, dass auch Lehrpersonen ein Privatleben haben. In erster Linie ist auch der Lehrer eine Person mit bestimmten Neigungen, Interessen und Hobbys, die nicht mit seiner Funktion übereinstimmen müssen. Hätte ein Schreiner oder ein Metzger freizügige Fotos gepostet, hätte dies hingegen keine heftigen Reaktionen ausgelöst.

Warum darf ein Metzger freizügig posieren, ein Lehrer aber nicht?

Lehrpersonen, Polizisten und Verwaltungsbeamte stehen in der Gesellschaft unter besonderer Beobachtung. Nichtsdestotrotz würde ich sagen, dass auch sie ein Anrecht auf ein Privatleben haben. Besteht dies darin, erotische Bilder online zu stellen, empfinde ich dies zunächst als unbedenklich. Obwohl solche Hobbys rasch an eine breite Öffentlichkeit gelangen, müssen sie am Ende keinerlei negativen Einfluss auf die Qualifikation im Job haben. Man muss klar unterscheiden zwischen der Pflicht im Beruf und der Gestaltung der Freizeit. Und wir Beobachter sollten auch akzeptieren, dass andere Menschen andere Interessen haben – solche, die uns eventuell nicht gefallen.

Hat der Lehrer bei den Primarschülern noch eine Chance, nicht zur Lachnummer zu werden?

Man darf die Gilde der Lehrpersonen nicht unterschätzen. Der Respekt des Lehrers beschränkt sich nicht auf sein privates Verhalten. Die Schüler nehmen ihn sicher immer noch als Respektsperson wahr. Zudem kann man aus dieser Situation auch etwas Positives ziehen. Seine Schüler werden lernen, dass die Form, mit der man sich im Internet darstellt, nicht allen gefallen muss.

Lehrer zurück auf Instagram

Nachdem 20 Minuten über seine Instagram-Posts berichtet hat, stellte der Zürcher Primarlehrer sein Profil auf privat und deaktivierte es wenig später ganz. Nun ist der Pädagoge wieder zurück, sein Account bleibt aber privat. Er postet zu seiner Rückkehr am Mittwochnachmittag eine Insta-Story, in der er schreibt: «Never give up!»

Fehler gefunden?Jetzt melden.