«Verzweifelt, zu allem bereit» – Jugendfreund warnte Polizei schon 2017 vor Espen B.
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«Verzweifelt, zu allem bereit» Jugendfreund warnte Polizei schon 2017 vor Espen B.

In der norwegischen Stadt Kongsberg hat ein Däne mit Pfeil und Bogen fünf Menschen getötet und mehrere Personen verletzt. Ehemalige Nachbarinnen und Nachbarn berichten nun, dass der Täter schon seit Jahren durch sein Verhalten aufgefallen war.

von
Benedikt Hollenstein
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Espen B. tötete und verletzte am Mittwochabend in Norwegen mit Pfeil und Bogen mehrere Menschen.

Espen B. tötete und verletzte am Mittwochabend in Norwegen mit Pfeil und Bogen mehrere Menschen.

Screenshot/VG
Der Täter war bereits vor dem Anschlag polizeibekannt. Wie ehemalige Nachbarinnen und Nachbarn berichten, kam es im Sommer letzten Jahres zu zwei Polizeieinsätzen beim Täter.

Der Täter war bereits vor dem Anschlag polizeibekannt. Wie ehemalige Nachbarinnen und Nachbarn berichten, kam es im Sommer letzten Jahres zu zwei Polizeieinsätzen beim Täter.

Reuters/Terje Pedersen
Espen Andersen Bråthen soll zum Islam konvertiert sein und sich dann radikalisiert haben.

Espen Andersen Bråthen soll zum Islam konvertiert sein und sich dann radikalisiert haben.

Reuters/Terje Bendiksby

Darum gehts

  • Bei einem Terroranschlag am Mittwochabend kamen in der norwegischen Kleinstadt Kongsberg fünf Personen ums Leben.

  • Beim mutmasslichen Täter handelt es sich um einen 37-jährigen Dänen.

  • Er war vor der Tat polizeilich bekannt.

  • Ehemalige Nachbarinnen und Nachbarn berichten, wie Espen B. in seinem Hinterhof oft mit Schlagstöcken und Knüppeln trainiert habe.

Den von einem Bogenschützen verübten Anschlag in Norwegen stufen die Ermittlerinnen und Ermittler aufgrund vorläufiger Erkenntnisse als mutmasslichen «Terrorakt» ein. Der Angriff in Kongsberg habe in diesem «Stadium» der Ermittlungen «den Anschein eines Terrorakts», teilte der norwegische Geheimdienst PST am Donnerstag mit.

Bei dem festgenommenen Tatverdächtigen handelt es sich um den 37-jährigen Espen B., wie die norwegische Zeitung «VG» schreibt. Er wird beschuldigt, am Mittwochabend fünf Menschen getötet und zwei verletzt zu haben. Wie die Polizei und die zuständige Staatsanwältin mitteilten, hat der Mann die Tat noch in der Nacht auf Donnerstag gestanden. Zum Motiv kann die Polizei zurzeit noch keine Angaben machen.

«Befürchtungen einer Radikalisierung»

Der Mann sei ein «Konvertit zum Islam», sagte der Polizeibeamte Ole Bredrup Saeverud bei einer Pressekonferenz. «Es gab schon früher Befürchtungen einer Radikalisierung», sagte Saeverud. Diesen Befürchtungen sei im vergangenen Jahr und davor nachgegangen worden. In diesem Jahr habe es bei dem Mann aber keine Hinweise mehr auf Auffälligkeiten gegeben.

Espen B. habe die meiste Zeit seines Lebens in Kongsberg verbracht, berichtet «VG». Seine Mutter komme aus Dänemark. Er sei im Besitz der dänischen Staatsbürgerschaft, wurde aber in Norwegen geboren. In einem ominösen Video, das 2017 im Internet auftauchte, erklärt Espen B., dass er ein Bote sei, der mit einer Warnung komme. «Ist das wirklich, was ihr wollt? Für alle die, die etwas wiedergutzumachen haben, ist die Zeit gekommen. Bezeuge, dass ich ein Moslem bin.» Den Text schien der Däne abzulesen, im Video schweift sein Blick immer wieder zur Seite.

Jugendfreund warnte schon 2017

Gemäss der norwegischen Zeitung «VG» informierte ein Jugendfreund von Espen B. die Polizei, nachdem dieser besagtes Video vor vier Jahren veröffentlicht hatte. Der Freund kennt Espen B. seit der Kindheit und glaubt, dass der Däne seit mehreren Jahren psychisch krank war. In der E-Mail an die Polizei wurde der 37-Jährige als «einsamer Wolf» beschrieben, der sehr isoliert lebe und wahrscheinlich zu «fast allem» bereit sei.

Zwar sei der Inhalt des Videos an sich nicht illegal, doch sollte Espen B. fachliche Hilfe bekommen, bevor es zu spät sei, wie der Jugendfreund des Attentäters in der E-Mail 2017 an die Polizei schrieb. Er hoffe, dass die Polizei sein Anliegen ernst nehme und Espen B. nicht die Möglichkeit habe, etwas «absolut Schreckliches» zu tun. Als er am Mittwochabend vom Anschlag hörte, habe er schnell an Espen B. gedacht. Dass dieser nun eine solche Bluttat verübt habe, sei ein Kollektivversagen, sagte der Jugendfreund gegenüber «VG».

Er habe sehr zurückgezogen alleine in seiner Wohnung in Kongsberg gewohnt, berichtet die Zeitung weiter. Er sei arbeitslos gewesen und habe nur wenig soziale Kontakte gehabt. 2020 sei er in das Haus seiner Eltern eingebrochen und habe gedroht, seinen Vater umzubringen. Die Eltern haben darauf ein Kontaktverbot verhängt. Wie «VG» berichtet, sei es im Sommer 2020 ausserdem zu zwei Polizeieinsätzen beim dänischen Staatsbürger gekommen. Dies kann Chatverläufen eines Nachbarn entnommen werden, die der Zeitung vorliegen.

Trainierte mit Schlagstöcken

Darin schreibt der ehemalige Nachbar des Täters seiner Familie, dass er ein «schlechtes Gefühl» habe, was den 37-Jährigen betrifft. Espen B. sei stets alleine gewesen, in seiner Wohnung habe Chaos geherrscht. Am 11. Juni 2020 sei es zu einem Polizeieinsatz gekommen, bei dem mehrere mit Helmen und Schildern geschützte Polizistinnen und Polizisten den 37-Jährigen aufgefordert hätten, aus seiner Wohnung zu kommen. Im August beobachtete der Nachbar erneut Polizistinnen und Polizisten, die mit dem mutmasslichen Terroristen gesprochen hätten.

Immer wieder habe er Espen B. im Sommer 2020 dabei beobachtet, wie dieser in seinem Garten mit Angriffswaffen trainiert habe. So soll er das Kämpfen mit Schlagstöcken und Knüppeln geübt haben, wann immer das Wetter warm genug gewesen sei, was dem Nachbarn ein ungutes Gefühl gegeben habe. Im Jahr 2012 wurde er wegen Einbruchdiebstahls sowie des Besitzes und Gebrauchs von Haschisch zu 60 Tagen auf Bewährung verurteilt.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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