Parkour: «Das ist völlig hirnrissig»
Aktualisiert

Parkour«Das ist völlig hirnrissig»

Spektakuläre Sprünge aus grosser Höhe, risikoreiche Jumps über Häuserschluchten, waghalsige Kletterpartien die Fassade hoch: Das ist Parkour. Oder doch nicht? Roger Widmer, einer der erfahrensten Schweizer Traceur korrigiert das Bild mit Vehemenz - und hat dazu auch Medienrichtlinien erstellt. Ein Gespräch über krasse Russen und falsche Vorstellungen.

von
Marius Egger

Herr Widmer, die NZZ hat in einem Bericht geschrieben, Sie würden heiraten. Sie haben darauf mit einem erzürnten Leserbrief reagiert. Wenn man jetzt ein Interview mit Ihnen will, muss man zunächst Ihre «Medienrichtlinien» durchlesen und die Bedingungen akzeptieren. Hat Sie Ihre vermeintliche Hochzeit dermassen in Rage versetzt?

Nein, das hat nichts mit der Hochzeit zu tun (lacht). Ich habe in der Zwischenzeit auch tatsächlich geheiratet. Aber das Problem ist, dass Parkour in den Medien oft falsch dargestellt wurde. Deshalb gibt es jetzt diese Medienrichtlinien, die von rund 30 Personen der Vereinigung Parkourone erstellt worden sind. Ich bin also nicht alleine dafür verantwortlich.

Aber der Verdacht kommt auf, dass sie keine Kritik dulden und Parkour vor allem in einem guten Licht dastehen soll. Unter anderem steht explizit, sie wollen kein «negatives Image von Parkour vermitteln». Sind Sie so dünnhäutig?

Wir sind nicht dünnhäutig und haben auch nichts zu verbergen. Aber Parkour wurde oft in ein falsches Licht gerückt. Zudem ist es etwa gleichzeitig mit «Jackass» aufgekommen. Da wurden dann teilweise ganz komische Parallelen gezogen. Dann kursierten auch im Internet schnell Mischformen. Bei diesen Videos geht es vor allem um den Showeffekt. Das mag für die Medien und Zuschauer interessant sein. Mit Parkour hat das aber nicht mehr viel gemein.

Was also ist das unverfälschte Parkour?

Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung ohne jegliche Hilfsmittel. Ein Traceur sucht die natürliche Bewegung, den respektvollen Umgang mit der Umwelt und mit sich selbst. Es geht um Werte wie Bescheidenheit. Und Parkour ist kein Wettkampfsport. Es ist nur ein Wettkampf mit sich selber. Parkour ist eine Lebenseinstellung.

Sie wollen nicht, dass Parkour als waghalsig-akrobatische Risikosportart dargestellt wird. Schaut man sich im Internet die Videos der Russen-Traceure an, ist es aber genau das. Auch die Filme von David Belle vermitteln genau dieses Bild. Und Belle gilt immerhin als Erfinder des Parkours.

Aber das hat nichts mit Parkour zu tun. David Belle ist auch Schauspieler und verdient mit solchen «Takes» sein Geld. Er hat sich aber mehrfach darüber geäussert, dass diese Szenen nichts mit Parkour zu tun haben. Parkour ist in seiner ursprünglichen Form für den Notfall bestimmt. Ein Beispiel: Wenn Sie in einem brennenden Haus sind und sich da retten wollen, springen Sie nicht mit einem Salto durchs Fenster. Sie retten sich auf die sicherste, schnellste und effizienteste Weise.

Wie lange üben Sie, bis sie dem Russen-Traceur das Wasser reichen können?

Das ist gar nicht mein Ziel. Ein Teil von dem, was im Video gezeigt wird, ist völlig hirnrissig.

Welcher Teil?

Fünf bis sieben Meter in die Tiefe springen zum Beispiel.

Das würden Sie nicht machen?

Das könnten die erfahrensten Schweizer Traceure auch. Die Muskeln sind trainiert genug, um Sprünge aus fünf Meter Höhe zu absorbieren. Die Höhe ist auch nicht entscheidend. Entscheidend ist die Lösung. Ausserdem ist es nicht besonders respektvoll gegenüber dem Körper.

Wie viele Verletzungen haben Sie sich beim Parkour zugezogen?

Ich hatte in neun Jahren Parkour einen Bänderriss. Und ich trainiere 10 bis 20 Stunden pro Woche. Aber ich hatte im letzte Sommer einen Töffunfall. Ein Auto krachte von hinten in mich hinein. Ich wurde durch die Luft geschleudert. Ich hatte «nur» den rechten Fuss kaputt. Es hätte mich brutal treffen können. Aber ich habe mich instinktiv richtig abgerollt. Das habe ich durch das Parkour-Training instinktiv richtig gemacht.

Sie veranstalten immer wieder Workshops. Sind die Jugendlichen enttäuscht wenn sie merken, dass Parkour nichts mit spektakulären Sprüngen in die Tiefe zu tun hat?

Die Rückmeldungen sind in 90 bis 100 Prozent der Fälle positiv. Gerade weil die Jugendlichen merken, dass hinter Parkour viel mehr steckt. Bei Parkour muss man niemandem etwas beweisen. Es geht nur um die eigenen Bewegungen. Und es geht um die eigene Herausforderung. Das steigert bei vielen Jugendlichen das Selbstbewusstsein.

David Belle (Quelle: Youtube)

Parkour

Die Geschichte von Parkour begann vor über 20 Jahren und entwickelte sich in dieser Zeit immer weiter. Zuerst ging dem Franzosen Raymond Belle um das Durchspielen von verschiedenen Extremsituationen wie Flucht. Dabei dachte er sich immer wieder neue Szenarien aus und setzte sie dann in seiner Umgebung um. Einen bedeutenden Einfluss hatte neben den Geschichten von Raymond Belle vor allem auch die «Méthode Naturelle», die von George Hébert (1875 bis 1957) entwickelt worden war. Geprägt durch die Flucht vor einem Vulkanausbruch einer Afrikareise entwickelte Hébert natürliche Methoden, um den Körper zu stärken. Als eigentlicher Pionier des modernen Parkour gilt David Belle, Sohn von Raymond Belle. David gab der Sportart ihren Namen und ist noch heute der Star der Szene. Er ist in einigen Werbespots zu sehen (für BBC und Nike) und hat der Sportart zum eigentlichen Höhenflug verholfen. (meg)

Parkour-Workshop in Zürich

Im Freibad Letzigraben, Edelweissstrasse 5 in Zürich findet am Samstag ein Parkour-Workshop unter der Leitung von Roger Widmer statt. Anmeldung unter 079 343 33 21.

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