Unvergessene EM-Momente: Das Jahr der Rumpelfüssler
Aktualisiert

Unvergessene EM-MomenteDas Jahr der Rumpelfüssler

An der EM 2000 in Belgien und Holland erlebten zwei grosse Fussballnationen ihr Waterloo. Deutschland kam bald wieder zurück – England bleibt ein Problemfall.

von
Peter Blunschi

An der Autobahn von Brüssel nach Charleroi liegt das wohl berühmteste Schlachtfeld der europäischen Geschichte: Waterloo. Hier erlebte Frankreichs Kaiser Napoleon Bonaparte am 18. Juni 1815 gegen eine englisch-preussische Streitmacht seine grösste Niederlage, die das Ende seiner Herrschaft besiegelte. 185 Jahre später erlitten die Sieger von damals ihr eigenes Waterloo – nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Fussballplatz.

Die wallonische Stadt Charleroi, mit ihren gigantischen Industriebrachen ein Symbol für den Niedergang der europäischen Schwerindustrie, war Schauplatz der Partie zwischen Deutschland und England, dem Schlagerspiel in der Vorrunde der EM 2000 in Belgien und Holland. Beide hatten im ersten Gruppenspiel gepatzt: Deutschland schaffte nur ein mühsames 1:1 gegen Aussenseiter Rumänien, England verlor sogar gegen Portugal. Die Begegnung der beiden Fussball-Grossmächte hatte folglich bereits kapitale Bedeutung, und da war auch die Angst vor den Hooligans. Tatsächlich kam es zu Krawallen mit englischen Fans, doch sie waren eher Scharmützel als eine Schlacht.

Die hohen Erwartungen an die vermeintliche Hammerpartie wurden an jenem 17. Juni 2000 dann aber zu keinem Zeitpunkt erfüllt. Deutschland und England erwiesen sich als «geschrumpfte Giganten», wie Spiegel Online in seinem Matchbericht schrieb, die fussballerische Magerkost boten. Es war offensichtlich: Beide hatten den Anschluss an den modernen Tempofussball verpasst, wie ihn Holland oder der spätere Europameister Frankreich zelebrierten. Am Ende jubelten die Engländer um Star David Beckham: Sie siegten dank einem Tor von Alan Shearer mit 1:0. Es war der erste Erfolg über Deutschland an einem grossen Turnier seit dem WM-Final 1966.

Notnagel Erich Ribbeck

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war jedem Fan klar, dass im deutschen Fussball einiges schief gelaufen war. Nachdem die DFB-Elf 1998 in Frankreich zum zweiten Mal in Folge an einer Weltmeisterschaft im Viertelfinal ausgeschieden war, musste der nie sonderlich beliebte Bundestrainer Berti Vogts abtreten. Die Nachfolge erwies sich als schwierig, die Wunschkandidaten – Jupp Heynckes, Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel – wollten oder konnten nicht. Also holte man einen Mann, der in den letzten zehn Jahren mit Ausnahme von zwei kurzen Engagements sein Frührentnerdasein auf Teneriffa genossen hatte: Erich Ribbeck.

«Sir» Erich, wie der distinguierte 61-Jährige genannt wurde, war eine Notlösung, weshalb man ihm den ehemaligen Schweizer Nationalcoach und DFB-Nachwuchsbetreuer Uli Stielike als Co-Trainer zur Seite stellte. Bald zeigte sich, dass Ribbeck in Sachen Taktik und Trainingsmethoden nicht mehr auf der Höhe war. Auf einer Tafel soll er einmal eine Mannschaftsaufstellung mit zwölf Spielern gezeichnet haben. Stielike äusserte seinen Unmut immer unverblümter, bis Ribbeck ihn kurz vor der EM feuerte. Dafür holte er den 39-jährigen Lothar Matthäus zurück, der seine Karriere bei den New York MetroStars ausklingen liess.

0:3 gegen Portugal B

Nach dem Fehlstart ins Turnier stand Ribbecks Elf vor dem letzten Gruppenspiel am 20. Juni in Rotterdam gegen Portugal mit dem Rücken zur Wand. Die Portugiesen waren dank Siegen gegen England und Rumänien bereits für die Viertelfinals qualifiziert, weshalb sie mit einem besseren B-Team antraten, ohne die Stars Luis Figo, Rui Costa und João Pinto. Selbst Stammgoalie Vitor Baia durfte pausieren. Wer das Spiel miterlebt hat, wird es nie vergessen, denn er wurde Zeuge der totalen Bankrotterklärung des deutschen Fussballs.

Die alternde Truppe stolperte bei drückender Hitze über den Rasen und lieferte «den mit Abstand schwächsten Auftritt bei einem Grossturnier ab», schrieb «Focus». Selbst der sonst so zuverlässige Torhüter Oliver Kahn patzte, mit dem 0:3 gegen Portugal B – alle Treffer erzielte Sergio Conceicao – waren die Deutschen noch gut bedient. Der portugiesische Trainer Humberto Coelho sorgte in der Nachspielzeit für die totale Demütigung, als er seinen Goalie Nummer 3 einwechselte.

Keegan wie Ribbeck

Und weil sich im Rotterdamer De Kuip die Presseplätze vor den VIP-Logen befinden, konnte man mit einer Drehung des Kopfes am Fernsehen miterleben, wie im parallelen Spiel auch England mit 2:3 gegen Rumänien unterging. Das Debakel der Grossmächte war perfekt, sie mussten nach der Vorrunde die Koffer packen. Three-Lions-Coach Kevin Keegan, Englands bester Fussballer der 1970er Jahre, war zwar allgemein beliebt, doch in fachlicher Hinsicht ähnlich unbedarft wie sein deutscher Kollege Ribbeck. «Erich ist einer meiner Lieblingstrainer», sagte Keegan allen Ernstes. Für beide war nach der EM Schluss.

Als die deutschen Spieler ihre Schmach (ein Punkt und ein Tor in drei Spielen) auch noch mit einem Trinkgelage «feierten», kannte die Wut in der Heimat keine Grenzen mehr. «Bild» sprach von einem «Sauhaufen», Franz Beckenbauer beschimpfte sie als «Rumpelfüssler». Manche malten die Zukunft in düstersten Farben, doch schon zwei Jahre später stand Deutschland an der WM in Japan und Südkorea bereits wieder im Final gegen Brasilien. Dank Reformen in der Juniorenarbeit gehört Deutschland heute wieder zu den absoluten Topteams.

England dagegen ist sich treu geblieben: Der permanenten Hoffnung auf den ersten grossen Titel seit 1966 folgte stets die Enttäuschung. Die strukturellen Probleme – zu lange Saison ohne Winterpause, zu viele Ausländer in der Premier League, zu wenig Qualität im Nachwuchsbereich – verhinderten bislang eine ähnliche Entwicklung wie beim Erzfeind Deutschland.

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