20.06.2018 19:28

Forderung von HR-Experte

«Das Jahresgespräch muss abgeschafft werden»

Die Situation rund um die jährlichen Mitarbeitergespräche ist aus dem Ruder gelaufen, findet HR-Experte Jörg Buckmann – und rät, sie knallhart zu streichen.

von
Valeska Blank
1 / 8
Bei vielen Firmen gibt es einmal im Jahr die Mitarbeitergespräche.

Bei vielen Firmen gibt es einmal im Jahr die Mitarbeitergespräche.

Keystone/Martin Ruetschi
Dabei werden die Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten beurteilt und benotet. Das System erinnert an die Benotung in der Schulzeit.

Dabei werden die Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten beurteilt und benotet. Das System erinnert an die Benotung in der Schulzeit.

Keystone/Christian Beutler
Mitarbeitergespräche sind mittlerweile umstritten. Darum finden HR-Experten: Das Jahresgespräch gehört abgeschafft.

Mitarbeitergespräche sind mittlerweile umstritten. Darum finden HR-Experten: Das Jahresgespräch gehört abgeschafft.

Keystone/Christian Beutler

Mathematik: 4,5. Deutsch: 5. Biologie: 3,5. Das erinnert viele mit Schaudern an die Schulzeit, wenn jeweils das Zeugnis ins Haus flatterte. Doch die Zeit der Noten ist für viele Angestellte in der Schweiz auch im Arbeitsleben nicht vorbei. Statt den Fächern wird im jährlichen Mitarbeitergespräch jeweils die Leistung beurteilt, zum Beispiel auf einer Skala von 1 bis 5. Problemlösungskompetenz: 4. Verlässlichkeit: 3. Konfliktfähigkeit: 5.

Solche Einschätzungen sind für die Mitarbeiter oft unangenehm. Und für die Chefs, die ihre Untergebenen Jahr für Jahr anhand schlecht messbarer Kriterien beurteilen müssen, bedeuten sie einen enormen Arbeitsaufwand.

«Erniedrigendes Benotungsritual»

Darum finden HR-Experten: Das Jahresgespräch gehört abgeschafft. Einer davon ist Jörg Buckmann. Er hat dem Thema in seinem neuen Buch «Personalmarketing mit gesundem Menschenverstand» ein ganzes Kapitel gewidmet. Buckmanns Rat an die Firmen: «Sagen Sie Tschüss zum traditionellen Mitarbeiterbeurteilungsgespräch – und hören Sie vor allem mit dem erniedrigenden Benotungsritual auf.»

Seine Begründung: Die Handhabung des Mitarbeitergesprächs ist mit all den Formularen, Handbüchern, Trainings und IT-Systemen einfach zu kompliziert geworden. Buckmann spricht in diesem Zusammenhang von einem «administrativen Monster», das in den letzten Jahren «regelrecht kaputtinstrumentalisiert» worden sei. Profitieren könnten weder die Mitarbeiter noch die Vorgesetzten.

ZKB schafft Mitarbeitergespräch ab

Dieser Meinung sind mittlerweile auch einige Schweizer Firmen, etwa die Zürcher Kantonalbank (ZKB). Dort wurden Jahresendgespräche und Benotungen im Jahr 2016 abgeschafft. Zuvor reichte der Leistungswert – sprich die Noten – bei der Bank von eins bis fünf, wobei fünf die beste Bewertung war.

Weil die Mitarbeiter «jeweils ziemlich empfindlich» auf die Note reagierten, wie es CEO Martin Scholl in einem Interview formuliert hatte, hat die ZKB das System radikal umgestellt. Die jährlich stattfindenden Mitarbeitergespräche inklusive Benotung wurden durch ein flexibleres und informelleres System ersetzt. Vorgesetzte und Mitarbeitende reden nun noch häufiger miteinander und die Ergebnisse aus den Gesprächen müssen nicht umständlich in einem IT-System festgehalten werden.

«Erwachsene brauchen kein Schulnotensystem»

Das klassische Mitarbeitergespräch gestrichen hat auch das Sanatorium Kilchberg. Dort gibt es keinen fixen Zeitpunkt mehr, wann sich Chef und Mitarbeiter zusammensetzen müssen. Auch Benotung gibt es keine mehr, genauso wenig wie eine Verknüpfung des Lohns mit dem Ergebnis der Mitarbeiterbewertung.

Klinikdirektor Peter Hösly ist überzeugt: «Erwachsene Menschen brauchen kein Schulnotensystem, um miteinander zu besprechen, was im letzten Jahr gut und was weniger gut war.»

Bleiben Sie über Wirtschaftsthemen informiert

Wenn Sie die Benachrichtigungen des Wirtschaftskanals abonnieren, bleiben Sie stets top informiert über die Entwicklungen der Business-Welt. Erfahren Sie dank des Dienstes zuerst, welcher Boss mit dem Rücken zur Wand steht oder ob Ihr Job bald durch einen Roboter erledigt wird.

Und so gehts: Installieren Sie die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippen Sie rechts oben auf die drei Streifen, dann auf das Zahnrad. Wenn Sie dann nach oben wischen, können Sie die Benachrichtigungen für das Wirtschafts-Ressort aktivieren.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.