Terror in Russland: Das kaukasische Pulverfass
Aktualisiert

Terror in RusslandDas kaukasische Pulverfass

Noch steht Moskau nach dem Anschlag auf den Flughafen unter Schock, doch die Behörden glauben bereits zu wissen, woher die Täter kamen: aus dem Kaukasus.

von
Daniel Huber
In Trümmer gelegt: Die tschetschenische Hauptstadt Grosny (1995)

In Trümmer gelegt: Die tschetschenische Hauptstadt Grosny (1995)

Wieder einmal leckt der russische Bär seine Wunden. Ein verheerender Selbstmordanschlag auf den Moskauer internationalen Flughafen hat mindestens 35 Todesopfer gefordert. Und es ist nicht das erste Mal: Immer wieder erschüttern blutige Anschläge die russische Kapitale (siehe Chronik).

Im März 2010 starben 37 Menschen bei Anschlägen auf die Moskauer U-Bahn, im November traf es einen Schnellzug auf der Strecke St. Petersburg - Moskau. 26 Menschen kamen dort ums Leben. Unvergessen ist die Geiselnahme in einem Moskauer Musical-Theater im Oktober 2002: Bei der missglückten Befreiung starben 41 Terroristen und 129 Geiseln. Damals war die tschetschenische Urheberschaft offensichtlich, und auch jetzt gehen die russischen Behörden davon aus, dass der Terror aus dem Kaukasus kam.

Schwärende Wunde am russischen Bauch

Seit dem Zerfall der Sowjetunion zu Beginn der Neunzigerjahre frisst der Krisenherd im Nordkaukasus wie eine schwärende Wunde am russischen Unterbauch. Damals konnte Russland gerade noch verhindern, dass sich das mehrheitlich muslimisch geprägte Gebiet, in dem sich Ethnien und Religionen wie auf einem Flickenteppich drängeln, wie die südlich des Kaukasus gelegenen Republiken von Moskau löste. Doch zu welchem Preis: Zwei Kriege legten Tschetschenien in Trümmer und korrumpierten die russische Gesellschaft; sie destabilisierten und verkrüppelten sie, wie der russische Kaukasusexperte Alexej Malaschenko glaubt.

Explosion in Moskau

Seit General Dudajew im Oktober 1991 die Unabhängigkeit Tschetscheniens ausrief, das zuvor eine autonome Republik in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik war, ist die Region nicht mehr zur Ruhe gekommen. Als das einigende sowjetische Band sich auflöste, brachen die tiefsitzenden Animositäten zwischen den Völkern und Religionen wieder auf. 1994 marschierten russische Truppen in Tschetschenien ein; der erste Tschetschenienkrieg begann. Die Tschetschenen konnten den russischen Truppen auf Dauer nicht Paroli bieten; sie gingen zur Guerilla-Taktik über und trugen den Krieg in die benachbarten Republiken und ins russische Kernland, wie Schamil Bassajew, der 1995 mit seinen Guerillakämpfern in Budjonnowsk in der Region Stawropol 1000 Geiseln nahm und die Russen damit zu Verhandlungen zwang.

Explosion am Flughafen in Moskau

«Schwarze Witwen» für das «kaukasische Emirat»

Der zweite Tschetschenienkrieg begann 1999 nach einer Serie von Sprengstoffanschlägen auf russische Mietshäuser (es gab Gerüchte, der russische Geheimdienst FSB habe die Anschläge selbst organisiert, um einen Vorwand für den Krieg zu schaffen). Der Krieg, der erst 2009 offiziell beendet wurde, radikalisierte die Kontrahenten weiter. Islamistische Kommandos, die für ein «kaukasisches Emirat» vom Kaspischen bis zum Schwarzen Meer kämpfen, setzten auch weibliche Märtyrerinnen ein – so genannte Schahidinnen oder «Schwarze Witwen», Frauen von gefallenen Kämpfern. Die Verbindungen der Islamisten zur Terrorgruppe Al Kaida war für Moskau seit dem 11. September 2001 ein willkommener Vorwand, das brutale Vorgehen in Tschetschenien in den Rahmen des «Kriegs gegen den Terror» zu stellen.

Seit dem Tod der Rebellenführer Maschadow (2005) und Bassajew (2006) hat sich die Lage in Tschetschenien selber etwas beruhigt. Der amtierende Präsident von Russlands Gnaden, , Ramsan Kadyrow, regiert das Gebiet mithilfe von paramilitärischen Einheiten und einem strengen islamischen Regime.

«Auf dem Lokus abmurksen»

Nach dem Bombenanschlag auf dem Flughafen Domededowo hat Premierminister Wladimir Putin Rache geschworen. Doch schon 1999, nach den Anschlägen auf russische Wohnhäuser, hatte Putin – damals Präsident – versprochen, die tschetschenischen «Kämpfer auch noch auf dem Lokus abzumurksen». Die nicht abreissende Serie von tschetschenischen Terroranschlägen hat ihn Lügen gestraft.

Hass auf die «Schwarzen»

Der Anschlag wird wohl den Hass der russischen Bevölkerung auf die tschetschenische Diaspora – allein in Moskau leben mehr als 100 000 Tschetschenen – weiter anheizen. Schon jetzt sind die «Schwarzen» (so werden Kaukasier im russischen Volksmund abfällig genannt) die bestgehasste ethnische Gruppe. Gegen sie richtet sich der Terror von rechtsradikalen Gruppierungen. So kamen im August 2006 bei einem Anschlag auf einen Markt in Moskau, der vor allem von Menschen aus dem Kaukasus und Zentralasien besucht wurde, zehn Menschen ums Leben.

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