Genesenen-Zertifikat – «Das kommt jetzt einfach zu spät»
Aktualisiert

Genesenen-Zertifikat«Das kommt jetzt einfach zu spät»

Deutschlands Gesundheitsminister will die Dauer des Genesenen-Zertifikats auf drei Monate verkürzen – am liebsten in ganz Europa. Fachleute in der Schweiz reagieren skeptisch.

von
Lisa Horrer
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Die Gültigkeitsdauer des Genesenenstatus sorgt für viele Diskussionen.  
Die Gültigkeitsdauer des Genesenenstatus sorgt für viele Diskussionen.  Tagesanzeiger/Urs Jaudas
Immunologe Daniel Speiser von der Universität Lausanne würde eine verkürzte Gültigskeitsdauer des Genesenenstatuses begrüssen. 
Immunologe Daniel Speiser von der Universität Lausanne würde eine verkürzte Gültigskeitsdauer des Genesenenstatuses begrüssen. Science Task Force
Für Andreas Widmer, Präsident vom Nationalen Zentrum für Infektprävention Swissnoso, kommt eine verkürzte Gültigkeit des Genesenenstatus zu spät.
Für Andreas Widmer, Präsident vom Nationalen Zentrum für Infektprävention Swissnoso, kommt eine verkürzte Gültigkeit des Genesenenstatus zu spät.Swissnoso

Darum gehts

  • In der EU soll der Genesenenstatus sechs Monate lang gültig sein.

  • Deutschlands Gesundheitsminister lehnt die Empfehlung ab. Er hält an den in Deutschland geltenden drei Monaten fest.

  • Schweizer Wissenschaftler und Politiker sind geteilter Meinung.

Die EU-Staaten einigten sich auf eine Gültigkeitsdauer des Genesenenstatus von sechs Monaten. Zu lange, findet der Gesundheitsminister Deutschlands, Karl Lauterbach. In Deutschland gilt man nach einer Corona-Infektion während drei Monaten als genesen. Eine Abkehr auf sechs Monate lehnt Lauterbach ab.

Derweil ist der Genesenenstatus hierzulande länger gültig. Während Genese bislang 365 Tage ihren Status behielten, gilt ab dem 31. Januar eine verkürzte Gültigkeit von 270 Tagen, also neun Monate.

Verkürzung unnötig

Andreas Widmer, Präsident vom Nationalen Zentrum für Infektprävention (Swissnoso), findet die Diskussion um die Verkürzung sinnlos. «Das kommt jetzt einfach zu spät», sagt Widmer. Es gebe wöchentlich Hunderttausende von Fällen, von denen die meisten asymptomatisch seien. Daher geht Widmer von einer grossen Immunität aus. Er ist überzeugt: «Schlimmer kann es ja nicht werden.» Die maximale Kapazität der Labore sei erreicht, mehr getestet werden könne ohnehin nicht. Was es jetzt brauche, seien Erleichterungen der Massnahmen und Verkürzungen, um die Bevölkerung zu entlasten. Die bisherigen Massnahmen sollten aber bestehen bleiben, bis klar wird, dass die neue Omikron-Variante nicht gefährlicher als frühere Varianten ist.

Gegen eine Verkürzung der Gültigkeit spricht sich auch SVP-Nationalrat Thomas Aeschi aus. Die Omikronvariante sei weitaus ungefährlicher als angenommen. Daher fordert Aeschi gar eine Aufhebung der Zertifikate für Besuche von Restaurants oder Innenräume. Lediglich für den Reiseverkehr sollten die Zertifikate beibehalten werden.

Vertrauen in die Wissenschaft

Auch die SP-Nationalrätinnen Yvonne Feri und Barbara Gysi sind gegen eine verkürzte Gültigkeit des Genesenenstatus. Laut Gysi ist eine «derart starke Verkürzung des Genesenenzertifikats derzeit nicht angezeigt.» Feri vertraue den Entscheiden der Wissenschaft und der Task Force. «Sollte diese eines Tages die Empfehlung von Lauterbach unterstützen, werde ich mir die Argumentation gerne anschauen und mir dazu ein Urteil bilden,» ergänzt sie.

Laut Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber ist ein Entscheid wie der von Lauterbach angebracht, wenn er ausreichend wissenschaftlich gesichert sei. «Wenn man sicher weiss, dass man weniger als eine 50-prozentige Immunität hat nach drei Monaten, müsste man sich das überlegen», so Prelicz-Huber. Problematisch sei jedoch, dass in der Corona-Pandemie immer wieder wissenschaftlich noch nicht gesicherte Thesen in die Politik einbezogen würden.

Immunologe Daniel Speiser von der Universität Lausanne würde eine Verkürzung der Gültigskeitsdauer des Genesenenstatus begrüssen. Denn: «Der Immunschutz ist nach der Omikron-Infektion nur kurz.» Die Infektion hinterlasse keine ausreichende Immunität, daher müsse die Bevölkerung besser geschützt sein. Die beste Immunität ergebe sich laut Speiser aus der Kombination von Impfungen und durchgemachter Corona-Erkrankung.

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