Lebensmittel-Skandal: Das Kreuz mit dem Kraut
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Lebensmittel-SkandalDas Kreuz mit dem Kraut

Weil in einer Plastikschale mit Rucola ein Stängel Kreuzkraut entdeckt wurde, haben deutsche Rucola-Produzenten den Salat: Sie können ihr Gemüse nicht mehr verkaufen. Einige stehen vor der Pleite.

von
Bea Emmenegger

Ein «Gestrüpp des Grauens» nennt es Spiegel Online: Kreuzkraut oder Greiskraut, giftig und leicht mit Löwenzahn oder eben Rucola zu verwechseln. Anfang August fand ein Konsument in Hannover in einer Schachtel Rucola einen Stängel des Krauts, das Leberschäden verursachen kann. Und weil der Konsument Mitglied im Arbeitskreis Kreuzkraut e.V.i.G ist, einer Bürgerinitiative gegen die Verbreitung giftiger Pflanzen, verschwand der Stängel nicht in seinem Magen, sondern landete mitsamt dem Salat bei einem Forscher am Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn.

Der Discounter nahm Rucola aus dem Regal

Der kam zum Schluss, dass im Rucola 0,0025 Gramm Gift steckte, das Zweieinhalbtausendfache der in Deutschland zulässigen Tageshöchstmenge, und schickte den Befund zur Lebensmittelüberwachung der Region Hannover. Inspekteure überprüften 35 niedersächsische Filialen des Discounters, bei dem der Rucola gekauft wurde und fanden kein weiteres Gift. Aber Spiegel Online berichtete darüber, der Discounter nahm Rucola aus den Regalen, verunsicherte Konsumenten mieden ihn und die Landwirte, die ganz auf den Anbau des Salats gesetzt hatten, als er vor einigen Jahren zum Trend-Gemüse avancierte, bleiben seither auf ihrer Ware sitzen.

In der Schweiz hat das Kreuzkraut, das auch hierzulande prächtig gedeiht, nach Aussagen von Experten noch keinem den Salat verdorben. «Bei uns wird Rucola fast ausschliesslich in Gewächshäusern angebaut», sagt Hans-Peter Kocher vom Seeländer Bildungs- und Informationszentrum für Land- und Hauswirtschaft Inforama, «Kreuzkraut wächst aber im Grasland. Auch im Saatgut ist mir Kreuzkraut noch nie begegnet.»

Kreuzkraut kann ins Tierfutter gelangen

Auch bei der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope hat man noch nie von Kreuzkraut im Salat gehört. Im Februar 2007 warnte die Anstalt allerdings vor einer starken Verbreitung der Pflanze. «Dabei ging es aber vor allem darum, dass das auf Weiden wachsende Kraut ins Tierfutter kommt.» Das Rindvieh, nicht blöd, lasse Kreuzkraut normalerweise links liegen, vor allem das alte, hoch wachsende. Und die jungen Pflanzen hätten noch keine Blüten, in denen das Gift vornehmlich stecke.

Ein Gift, dessen Abbauprodukte bei längerem Konsum die Leber angreife, ähnlich, wie Alkohol, der bei erhöhtem Konsum irgendwann zu einer Zirrhose führe. So gesehen, sei die Hysterie in Deutschland ein «Riesentheater». Eines, bei dem die Rucola-Bauern gern nur Zuschauer wären.

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