Kilian Wenger: «Das Kribbeln kommt erst in den Tagen davor»
Aktualisiert

Kilian Wenger«Das Kribbeln kommt erst in den Tagen davor»

Das Eidgenössische Schwingfest steht vor der Tür. König Kilian Wenger äussert sich im Interview über seine privaten Wünsche und Ziele sowie die Titelverteidigung.

von
Peter Berger

Kilian Wenger, sind Sie für Burgdorf bereit?

Ja, die Saison verläuft konstant. Ich konnte schon drei Feste gewinnen und bin gesund. Das ist das Wichtigste.

Und Sie haben am Bernisch-Kantonalen erstmals seit 2009 Ihren Angstgegner Matthias Sempach bezwungen?

Ja, das tat gut.

Sie bezeichnen Sempach als komplettesten Schwinger. Warum?

Er ist unberechenbar, weil er vielseitig ist. Mehr als ich.

Wäre ein Duell gegen ihn speziell?

Er ist einer meiner besten Freunde, aber sobald wir uns im Sägemehl die Hand reichen, sind wir Rivalen.

Sie kennen die meisten Schwinger gut, sind da Überraschungen überhaupt noch möglich?

Im Schwingen muss man ein Gefühl für den Gegner entwickeln. Macht der einen Fehler, gilt es diesen sofort ausnützen. Aber es ist schon so, je besser man sich kennt, desto höher ist die Möglichkeit eines Gestellten.

Ihr Trainer Roland Fuchs ist auch Konditionstrainer beim SC Bern und war früher im Skisport tätig. Was zeichnet ihn aus?

Er weiss, wie man aus einem Sportler einen Athleten macht. Seine grossen Kenntnisse im Kraft- oder Ausdauerbereich haben mich entscheidend weitergebracht.

Sie trainieren auch mit dem zurückgetretenen, dreifachen König Jörg Abderhalden.

Mit ihm trainiere ich vor allem im Winter, dabei geht es um die Technik. Jörg kann da Inputs geben. Wichtig ist aber, dass man generell viel schwingt, harte Gänge hat. Nur so eignet man sich die Substanz an, an einem Eidgenössischen die zwei Tage durchzustehen. Deshalb: Wenn einer zum jetzigen Zeitpunkt nicht «zwäg» ist, kriegt er das bis Burgdorf auch nicht mehr hin.

Was tun Sie noch bis das Fest am 31. August beginnt?

Auf der Englstenalp absolviere ich ein Höhentraining. Danach haben wir vom Bernischen Verband noch einen Zusammenzug, bei dem wir das Eidgenössische simulieren.

Stichwort Höhentraining. Was nützt das?

Das ist für mich primär ein gutes Omen. Schon vor Frauenfeld habe ich das gemacht.

Ein Höhentraining verstärkt die Produktion der roten Blutkörperchen. Das ist legal, aber wie sieht es mit Doping aus?

Ich weiss nicht, ob Doping im Schwingen etwas bringen würde. Für mich ist das ein Tabu-Thema, deshalb kann ich es nicht beurteilen.

Das Eidgenössische in Burgdorf startet am 31. August.

Ja, und mittlerweile denke ich jeden Tag daran. Kribbelig werde ich deswegen aber nicht. Das wird dann wohl in den Tagen davor einsetzen.

Setzen Sie sich mit einer Niederlage auseinander?

Natürlich hoffe ich, dass ich den Titel verteidigen kann. Eine Niederlage wäre im ersten Moment eine grosse Enttäuschung für mich. Aber das Leben geht weiter. Ich bin erst 23 Jahre alt und habe noch mehrere Möglichkeiten, viele gute Resultate zu erzielen.

Ist es speziell, dass mit Matthias Sempach, Christian Stucki und ihnen gleich drei Berner zu den Topfavoriten zählen?

Ich finde, dass der Druck eigentlich gut verteilt ist. Bei den Ostschweizern steht Forrer im Fokus, in der Innerschweiz Laimbacher und bei uns lastet der Druck auf Sempach, Stucki und mir. Klar wird viel von den Bernern gesprochen, weil das Fest auch in Burgdorf ist. Aber das stört mich nicht.

Sie haben den Vorteil, dass Sie schon König sind.

Das ist so und befreit etwas. Aber je näher das Fest kommt, desto weniger spielt das eine Rolle.

Die Schwingszene gilt als eine Familie. Ist das wirklich so?

Das ist kein Klischee. Bei den Schwingern wird Kameradschaft und Fairness gross geschrieben.

Sie selber kommen bei allen gut an. Spüren Sie das?

Eigentlich schon. Wenn ich ein Charakterlump oder arrogant wäre, wäre es vielleicht anders.

Gibt es keinen Trash-Talk, oder dass einer beim Zusammengreifen auch gleich noch etwas in die Haut kneift?

Nein. Ich zumindest habe solche Sachen noch nie erlebt. Während eines Wettkampfs spricht man nicht miteinander.

Was bringt Sie im Sägemehl aus der Ruhe?

Das weiss ich auch nicht. Vielleicht wenn ich einen Gegner unbedingt besiegen sollte, und mir die Zeit davonrennt.

Dann werden Sie nervös?

Sagen wir angespannt.

Und ausserhalb des Sägemehls?

Wenn ich etwas schon lange erledigen sollte und es immer noch nicht getan habe. Dann wird es chaotisch. Aber generell bin ich nicht einer, der gleich erschrickt, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte.

Woher kommt diese Ruhe?

Das Schwingen biete eine gute Lebensschule. Aber ich war auch vor dem Königstitel nicht einer, der über die Stränge geschlagen hat. Klar genehmige auch ich mir nach der Saison mal einen über den Durst. Aber ich bin nicht einer, der meint, er müsse dies und jenes erleben.

Schwingen ist Spitzensport, aber es gibt keine Profis.

Ich bin absolut gegen eine Professionalisierung. Der Schwingsport lebt vom Amateurstatus. Eine Professionalisierung würde eine Zweiklassen-Gesellschaft bringen. Das darf nicht sein.

Wie sehen Sie den Schwingsport in zehn Jahren?

Hoffentlich ist er immer noch wie jetzt. Er ist im Moment nicht schlecht aufgestellt. Ich hoffe einfach, dass die Verbandsfeste nicht ein zu grosses Ausmass annehmen, denn sonst stossen die ehrenamtlichen Funktionäre und Helfer an die Grenzen.

In zehn Jahren sind Sie 33 Jahre alt. Schwingen Sie dann noch?

Das kann ich nicht unterschreiben. So wie ich meinen Körper kenne, denke ich nicht, dass ich noch zehn Jahre auf diesem Niveau bleiben kann.

Das heisst, Sie spüren schon Abnützungserscheinungen?

Ein bisschen, denn sehr gesund ist unser Sport bestimmt nicht.

Was haben Sie nach Ihrer Karriere noch für Ziele?

Ich möchte irgendwann zusammen mit einem Partner ein Geschäft aufbauen, noch weiss ich jedoch nicht, in welcher Branche. Später möchte ich auch eine Familie und ein Haus. Auch eine längere Reise würde ich gerne einmal unternehmen; am liebsten als Lastwagen-Chauffeur in Amerika unterwegs sein.

Und was tun Sie nach Burgdorf.

Sicher Ferien machen und einen Gang zurückschalten. Mitte Oktober beginnt dann das Training wieder. Im Winter werde ich zudem als Tourist an die Olympischen Spiele nach Sotschi reisen.

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