Japans zerstörte Küste: Das Leiden auf dem Trümmerfeld
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Japans zerstörte KüsteDas Leiden auf dem Trümmerfeld

An der Ostküste Japans zeigt sich ein Bild der Zerstörung. Die Opferzahl steigt stündlich, verzweifelte Eltern suchen ihre Kinder mit blossen Händen und Stöcken.

von
meg

Das Erdbeben der Stärke 9 und der darauf folgende Tsunami haben in Japan Tod und Verwüstung hinterlassen. Auf einem rund 500 Kilometer langen Streifen wurde die Japanische Ostküste am Freitag überschwemmt. Die bis zu 10 Meter hohen Wellen reichten bis mehrere Kilometer ins Landesinnere und rissen ganze Städte mit. Die Behörden befürchten über zehntausend Todesopfer. Andere Beobachter gehen von mehreren zehntausend Opfern aus. Am Montagmorgen wurden in Miyagi noch vor dem neuen Beben 2000 weitere Leichen entdeckt. Sie seien an der Küste gefunden worden, teilte die Nachrichtenagentur Kyodo mit. Damit hat sich die Zahl der Toten mehr als verdoppelt. Inzwischen sind es 5000.

Immer noch aber werden Tausende vermisst. «Unser Haus gibt es nicht mehr», sagte eine Frau dem TV-Sender NHK. «Meine Tochter wüsste gar nicht, wohin sie gehen sollte.» Sie sucht wie Etsuko Oyama verzweifelt nach ihrem Kind. «Als der Tsunami uns traf, habe ich versucht, mich irgendwo festzuhalten», sagte Oyama dem japanischen TV-Sender. «In der anderen Hand hatte ich meine Tochter. Aber meine Kraft liess nach. Der Sog von Schutt und Wasser war zu stark.» In Evakuierungszentren haben die Behörden Satellitentelefone bereitgestellt. Der TV-Sender NHK zeigt Frauen, die darüber versuchen, Kontakt zu vermissten Angehörigen und Verwandten herzustellen. Immer wieder brechen sie nach dem Telefonat enttäuscht in Tränen aus.

Das Leid einer Mutter, die ihre Tochter seit der Katastrophe vermisst:

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2250 Menschen haben keine Fluchtmöglichkeit

Der Wettlauf gegen die Zeit läuft nur langsam an. Helfer suchen derzeit mit blossen Händen und Stöcken in den Trümmern nach Überlebenden, wenn sie denn bis ins Krisengebiet vorstossen können. Viele Strassen sind völlig zerstört und zugeschüttet von Schlamm, Autos und Häusern – oder was davon übriggeblieben ist. In Futabamachi stecken 2250 Personen fest. Die Strassen sind zerstört, Fluchtmöglichkeiten haben sie nicht, schreibt der Daily Yomiuri. So geht es Tausenden an der zerstörten Ostküste. In der Stadt Iwaki gab die Polizei Decken und Reisbälle an die notleidende Bevölkerung ab.

Explosion im Atomkraftwerk

Viele Gebiete sind nur über die Luft erreichbar, die Infrastruktur ist massiv beschädigt. Die Zentrale der Schweizer Suchhundestaffel konnte am Montagmorgen zu ihren 15 Rettern, die mit neun Suchhunden im Krisengebiet unterwegs sind, keinen Kontakt aufnehmen, sagte ein Sprecher zu 20 Minuten Online. Die deutsche Stiftung I.S.A.R hat ihr Vorausteam wieder zurückbeordert. «Wir wissen nicht, was in den nächsten Tagen passiert mit den Atomkraftwerken. Da hat die Einsatzleitung entschieden, dass Sicherheit vorgeht», sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur dpa.

«Ich dachte, ich würde sterben»

Die Regierung hat inzwischen die Zahl der Soldaten für den Rettungseinsatz von 50 000 auf 100 000 verdoppelt. Mehr als 68 Such- und Rettungsteams aus 45 Ländern hatten Japan nach dem Beben ihre Unterstützung angeboten.

Zweite Explosion im AKW-Fukushima

Bilder einer verwüsteten Stadt in der hart getroffenen Präfektur Iwate am Montag, 14.3.2011:

Tsunamis in Japan: Monsterwelle

Über eine halbe Million obdachlos

Wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldet, wurden durch die Naturkatastrophen etwa 530 000 Menschen obdachlos. Weitere 80 000 mussten ihre Wohnungen verlassen, als die Behörden die Sicherheitszone um die havarierten Kernkraftwerke in der Präfektur Fukushima auf 20 Kilometer ausdehnten.

Allein in der Präfektur Miyagi warten über 20 000 Einwohner auf Hilfe, 1.4 Millionen Haushalte sind ohne Wasser, 2.5 Millionen ohne Strom. In vielen Orten werden zudem auch Benzin und Lebensmittel knapp. Nach Angaben des für Energie zuständigen stellvertretenden Ministerpräsidenten Igor Seschin prüft der staatliche russische Energiekonzern Gazprom die Möglichkeit, zwei Tanker mit einer Kapazität für jeweils 100 000 Tonnen Flüssiggas nach Japan zu schicken.

Die japanische Erdbebenbehörde warnt vor weiteren Beben. Bis am Mittwoch soll mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Beben von mindestens der Stärke 7 Japan erschüttern, teilt sie auf ihrer Website mit. Die Wahrscheinlichkeit, dass bis Samstag ein ähnlich starkes Beben eintritt, liegt bei 50 Prozent.

Die Zerstörung ist schon jetzt enorm. Die Küstenstadt Minamisanriku zählte vor dem Tsunami 19 000 Einwohner. Die Hälfte konnte sich in Zufluchtsorten in Sicherheit bringen. Von den anderen fehlt noch jede Spur. «Die Süddeutsche Zeitung» schreibt über den Ort: «Minamisanriku gibt es nicht mehr.»

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