Aktualisiert 09.12.2008 10:58

BehördenversagenDas Leiden des Baby P.

Ein 17 Monate altes Kind stirbt einen qualvollen Tod – vor den Augen einer ganzen Nation: Das misshandelte Baby P. wurde zuvor sechzig Mal von Sozialarbeitern besucht, doch keiner merkte etwas von seinem entsetzlichen Leiden.

Die Geschichte geht unter die Haut: Es ist eine Tragödie mit einem bitteren Ende. Nicht nur wegen des Leids, das die Mutter und ihr Lebenspartner dem kleinen Baby P. zugefügt hatten, sondern vor allem wegen der Blindheit und des Versagens des gesamten britischen Sozialapparats.

Ein qualvolles Leben

Baby P. wird im August 2007 in seinem blutverschmierten Bettchen in Haringey im Norden Londons tot aufgefunden. Zwei Tage zuvor hatte eine Kinderärztin das Kind gesehen – und nicht bemerkt, dass es wegen seiner gebrochenen Wirbelsäule gelähmt war und acht gebrochene Rippen hatte.

Baby Ps. Mutter ist 27 Jahre alt, lebt vom Vater des Kindes getrennt. Sie kümmert sich kaum um ihr Kind. Stattdessen surft sie stundenlang im Internet und sucht nach Pornographie. Bald ziehen ihr neuer Lebenspartner, Jason Owen, und ein weiterer Untermieter in die Sozialwohnung. Der 36-jährige Owen ist ein Sadist, der nationalsozialistische Memorabilia sammelt und lebende Frösche enthäutet.

Der kleine P. wird von den drei Bewohnern gequält und misshandelt: Owen schneidet in Ps. Fingerspitzen, reisst ihm die Fingernägel mit einer Zange aus, würgt ihn bis er blau anläuft und trainiert seinen Rottweiler, damit er das Kind angreift. Die Mutter schmiert es mit Schokolade ein, damit die Prellungen an seinem Körper verborgen bleiben.

Sozialsystem versagt kläglich

Einzige Zeugin dieser Brutalität ist die minderjährige Freundin des Mitbewohners. Obwohl Sozialbeamte das Kind vor seinem Tod insgesamt sechzig Mal besuchten. Doch keiner will etwas bemerkt haben. Zwar steht Baby P. auf der Liste der gefährdeten Kinder, dennoch wird es nach wenigen Tagen vom Kinderheim zurück zur Mutter geschickt.

Vier Tage vor seinem Tod besucht eine Sozialarbeiterin die nach Urin stinkende und von Flöhen überlaufene Wohnung. Ausser einer Ohrenentzündung habe sie nichts Ausserordentliches bemerkt, schreibt sie in ihrem Bericht: «Dem Kind scheint es gut zu gehen, es lächelte mich an, als ich es ansprach», ist ihr Fazit. Von den Kopfverletzungen steht kein Wort.

Erst sechs Monate nach Ps. Tod wird eine Untersuchung angeordnet. Sharon Shoesmith, zuständige Beamtin für den Kinderschutzdienst der Gemeinde Haringey, hatte es anfänglich nicht für nötig gehalten – angesichts der allgemein guten Leistungen des Dienstes, schrieb sie. Es sei eine «traurige Tatsache», dass «wir Menschen, die sich entschlossen haben, Kinder zu töten, nicht daran hindern können.» Die aufgebrachte Öffentlichkeit in England fordert nun, dass Shoesmith entlassen wird. Die Bewohner Haringeys wollen sogar so lange keine Gemeindesteuern zahlen, bis Shoesmith ihres Amtes enthoben ist.

(kle)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.