Aktualisiert 01.06.2010 14:46

Deutschland-SpassmaschineDas Lena-Laune-Land

37 000 Fans feierten Lenas ESC-Triumph in Hamburg. Kein Einzelfall: Die Deutschen machen schon lange eine Party aus dem Grand Prix. Angefangen hat alles vor zwölf Jahren.

von
Philipp Dahm

Vor Lena Meyer-Landruts Triumph beim Eurovision Song Contest wurde bei der Punktevergabe natürlich auch nach Deutschland geschaltet. Dort sah man eine Menge von über zehntausend Menschen, die sich am Hamburger Spielbudenplatz direkt an der Amüsiermeile Reeperbahn versammelt hatten und eine Riesen-Party feierten. Komiker Hape Kerkeling verkündete das Wahlergebnis, während im Hintergrund der Mob jubelte und johlte.

Für weitere akustische Highlights hatten vor der Übertragung aus Oslo etablierte Stars wie Nena, Marit Larsen, die Band Unheilig oder auch Stefanie Heinzmann gesorgt. 37 000 machten aus dem Eurovision Song Contest «ein neues Sommermärchen», wie das «Hamburger Abendblatt» mit Blick auf die Fussball-WM 2006 schrieb. «Der ganze Platz war voll und die Leute waren alle mega-gut drauf», beschreibt Claudio Heinzmann, Stefanies Bruder die Stimmung vor Ort.

Sommermärchen 2.0

Der «Sommermärchen»-Vergleich drängt sich auf: Wie damals wurden schwarz-rot-goldene Fähnchen geschwenkt, ohne dass es nach überbordendem Nationalismus roch. «Das Volk kommt zusammen und schaut gemeinsam», fasst Claudio zusammen: Er erinnere an Public Viewing. Wäre so was auch in Zürich denkbar? «Wenn man viele Partner hat, warum nicht?» Doch die Grand-Prix-Partys in Hamburg steigen nicht erst seit der WM 2006 oder seit Liebling-Lena dabei ist.

Eine Konstante beim Wieder-Erstarken des Eurovision Song Contest gibt es jedoch: Sie heisst Stefan Raab. Er war es, der gegen anfängliche Widerstände seinen Kandidaten Guildo Horn 1998 beim Grand Prix platzieren konnte. Der clowneske, liebenswürdige Spassmacher nahm den Deutschen den Ernst am Wettbewerb. Der «Focus» schrieb anno dazumal: «Er verhilft dem Grand Prix, der so tot war wie der Kommunismus, mit seiner Schlager-Perestroika zu ungeahnter Popularität.» Sogar die Schweizer ESC-Verantwortlichen freuten sich über die Abwechslung: «Mit Guildo Horn werden die Zuschauerzahlen wieder steigen», freute sich damals SF-Mann Toni Wachter. Und die eidgenössische Vertreterin Gunvor wusste, dass Guildo einen «Platz unter den ersten zehn sicher» habe. Er erreichte es dann auch Platz sieben.

Neue deutsche Humor-Lust

Horns Humor-Vorstellung ebnete den Weg zu einem lockeren Umgang mir dem Gesangswettbewerb. Im Folgejahr trat mit Sürpriz eine deutsch-türkische Combo an, die es gar auf ESC-Platz drei schaffte. Anno 2000 stand Raab selbst mit «Wadde hadde dudde da?» auf der Bühne (Platz fünf), nach ihm erreichte die blinde Sängerin Corinna May, ein Schützling von Musikproduzent Ralph Siegel, Platz 21. Der Hamburger Spielbudenplatz, der alljährlich als Schauplatz der Live-Übertragung diente, entwickelte sich zum Mekka der Grand-Prix-Gemeinde, die fortan fröhlich festete.

Deutsche Kandidaten wie die flippige, rothaarige Sängerin Lou , die mit dem Song «Let's Get Happy» 2003 Platz zwölf erreichte, zeugen genauso davon wie der Auftritt von Texas Lightning anno 2006. Die Country-Comedy-Truppe um Olli «Dittsche» Dittrich landete immerhin auf Platz 15. Es muss aber nicht immer lustig sein: Abgerundet wird das neue deutsche Repertoire von gefühlvollen Darbietungen wie etwa der von Max Mutzke. Weil es «Can't Wait Until Tonight» 2004 auf Platz acht schaffte, konnte auch der Macher des Liedes, Stefan Raab, einen weiteren kleinen Erfolg feiern. Allzu glatte Vorstellungen wie die der No Angels 2008 wurden dagegen vom Publikum abgestraft: Ihr Lied landete auf dem letzten Platz.

Ganz vorne sind die Nachbarn dagegen dieser Tage: Nicht ohne Stolz feiern die Deutschen ihre Lena. Freudig bemerken sie, dass ganz Europa auf sie schaue – und es hat nichts mit dem Krieg zu tun. Skandinavier, Osteuropäer und sogar die Schweizer sind dem Charme Meyer-Landruts erlegen und stellen teilweise überrascht fest, was sich quasi «über Nacht» für eine Party-Gemeinde in Mitteleuropa gebildet hat. Um im Bild zu bleiben: Die Dämmerung davor haben sie einfach verschlafen.

Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe: «Guildo hat euch lieb!» (1998). Quelle: YouTube

Stefan Raab: «Wadde hadde dudde da» (2000). Quelle: YouTube

Lou: «Let's Get Happy» (2003). Quelle: YouTube

Max Mutzke: «Can't Wait Until Tonight» (2004). Quelle: YouTube

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