Aktualisiert 28.01.2015 12:52

Religion

Das lernen Gefängnis-Mitarbeiter über den Islam

In Schweizer Gefängnissen sitzen bis zu 50 Prozent Muslime. Droht dort eine Radikalisierung? Nein – auch dank Islam-Kursen für Gefängnismitarbeiter, sagt ein Experte.

von
D. Pomper
Thomas Noll, Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal SAZ, ist überzeugt: «Eine Radikalisierung muslimischer Insassen in Schweizer Gefängnissen ist kein akutes Problem.» Denn im Gegensatz zu ausländischen Gefängnissen gäbe es in der Schweiz eine viel engmaschigere Überwachung und mehr Personal pro Insasse.

Thomas Noll, Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal SAZ, ist überzeugt: «Eine Radikalisierung muslimischer Insassen in Schweizer Gefängnissen ist kein akutes Problem.» Denn im Gegensatz zu ausländischen Gefängnissen gäbe es in der Schweiz eine viel engmaschigere Überwachung und mehr Personal pro Insasse.

Die Attentäter von Paris wurden im Gefängnis radikalisiert, wo sie einen gewaltbereiten Islamisten kennengelernt hatten. Auch die Attentäter von 9/11 und Madrid 2004 wurden hinter Gittern radikalisiert. «Die Gefängnisse sind Brutstätten einer massiven Radikalisierung», sagte Gilles de Kerchove, der Anti-Terror-Koordinator der Europäischen Union.

Ein Blick in die Schweizer Gefängnisse zeigt: In der Strafanstalt Zug und in der Genfer Anstalt Champ-Dollon sind 50 Prozent der Insassen muslimischen Glaubens. In der interkantonalen Strafanstalt Bostadel bilden Muslime mit 39 Prozent die grösste Religionsgruppe, in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf sind 133 von 426 Häftlingen Muslime. Die Anzahl von Insassen aus muslimischen Ländern wie Tunesien, Algerien, Marokko oder dem Kosovo und Albanien nimmt seit 2003 laufend zu.

Islam-Kurse für Gefängnismitarbeiter

Thomas Noll, Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für das Strafvollzugspersonal SAZ, ist dennoch überzeugt: «Eine Radikalisierung muslimischer Insassen in Schweizer Gefängnissen ist kein akutes Problem.» Denn im Gegensatz zu ausländischen Gefängnissen gebe es in der Schweiz mehr Personal pro Insasse und damit eine viel engamschigere Überwachung. Das führe zu einer erhöhter Sicherheit und trage zur Resozialisierung bei, sagt Noll. «In Schweizer Gefängnissen macht der Aufseher nicht einfach nur die Zellen auf und zu. Stattdessen werden regelmässig Gespräche mit den Häftlingen geführt.» So könnten Radikalisierungstendenzen frühzeitig entdeckt und eingedämmt werden.

Auch würde das Gefängnispersonal gezielt auf den Umgang mit muslimischen Insassen ausgebildet. «In diesen Kursen lernt man mit Mentalitätsunterschieden umzugehen.» Das betreffe etwa die Auffassung von Ehre und Schande, spezielle Essgewohnheiten oder religiöse Praktiken wie den Ramadan. Ein spezielles Augenmerk legt man auch auf Fundamentalismus und Islamismus. Diese präventiven Massnahmen zahlten sich aus, sagt Noll.

Nicht-Muslime sollen den Koran nicht berühren

Mallory Schneuwly Purdie von der Universität Lausanne, die in der Romandie Gefängnispersonal im Umgang mit muslimischen Gefangenen ausbildet, ist dagegen skeptischer: «In letzter Zeit stelle ich fest, dass gewisse Probleme mit sehr wörtlichen Interpretationen des Islam durch Gefangene bestehen», sagte sie gegenüber der «NZZ». Etwa die Idee, dass Nicht-Muslime den Koran nicht berühren dürften, oder die Forderung, pünktlich beten zu dürfen. Von einem Problem mit radikalen Muslimen in Schweizer Gefängnissen spricht aber auch Schneuwly Purdie nicht.

Alex Kuprecht (SVP), Präsident der ständerätlichen Sicherheitskommission, beobachtet die Entwicklung mit Sorge: «Wir müssen prüfen, ob wir die Häftlinge nicht gleich ausschaffen und in ihren Herkunftsländern inhaftieren können.» So würden auch Schweizer Gefängnisse entlastet. Kritisch ist Kuprecht auch gegenüber Gefängnis-Imamen: «Hier stellt sich die Frage, wie diese überprüft werden können.»

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