Der neue Papst: Das letzte Mal hatte er noch knapp verloren
Aktualisiert

Der neue PapstDas letzte Mal hatte er noch knapp verloren

Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio war bereits vor acht Jahren der grosse Gegenspieler von Joseph Ratzinger. Dies zeigt das geheime Tagebuch eines Kardinals.

von
Peter Blunschi
Die grossen Gegenspieler im Konklave 2005: Jorge Mario Bergoglio, Joseph Ratzinger und Carlo Maria Martini (von links).

Die grossen Gegenspieler im Konklave 2005: Jorge Mario Bergoglio, Joseph Ratzinger und Carlo Maria Martini (von links).

Jetzt hat er es doch noch geschafft: Jorge Mario Bergoglio, der Erzbischof von Buenos Aires, wurde vom Konklave im zweiten Anlauf zum Papst gewählt. Franziskus, wie er sich nennt, beerbt damit jenen Mann, gegen den er im April 2005 noch verloren hatte, als es um die Nachfolge für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. ging: Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI..

Nach dem dritten Wahlgang war damals die Überraschung perfekt: Ratzinger, der als einer der Favoriten Einzug in das Konklave gehalten hatte, kam auf 72 Stimmen. Nur wenig fehlte zur erforderlichen Zweidrittels-Mehrheit der 115 wahlberechtigten Kardinäle. Doch auf Platz zwei erreichte Bergoglio 40 Stimmen. Das war mehr als ein Drittel und damit eine Sperrminorität. Das Konklave war an jenem Mittag des 19. April 2005 faktisch blockiert, es drohte ein langer und zermürbender Wahlmarathon.

So soll es sich abgespielt haben, zumindest gemäss dem «geheimen Tagebuch», das einer der beteiligten Kardinäle dem Journalisten Lucio Brunelli vom italienischen Fernsehsender RAI zugespielt hat. Seine Schilderung wird von Experten als glaubwürdig betrachtet. Um wen es sich handelt, ist unklar, denn der besagte Kardinal beging nach kirchlichem Recht so etwas wie Hochverrat. Der Verlauf des Konklaves ist streng geheim, die Kardinäle müssen zu Beginn einen Verschwiegenheitseid ablegen. Allerdings war das Mitteilungsbedürfnis der Purpurträger schon in der Vergangenheit oft grösser: So weiss man, dass Karol Wojtyla, der Erzbischof von Krakau, im Oktober 1978 im achten Wahlgang mit 99 von 111 Stimmen zum Nachfolger des 30-Tage-Papstes Johannes Paul I. gewählt worden war.

Niederlage für die Progressiven

Als sich das Wahlgremium am Nachmittag des 18. April 2005 in der Sixtinischen Kapelle versammelte, war es für die meisten eine Premiere. Nur zwei der 115 Kardinäle hatten fast 27 Jahre zuvor an der Wahl von Woytjla alias Johannes Paul II. teilgenommen. Im ersten Wahlgang erwartete niemand eine Entscheidung. Joseph Ratzinger machte auf Anhieb am meisten Stimmen, nämlich 47. Der 78-jährige Bayer war als Präfekt der Glaubenskongregation der «Chefideologe» im Vatikan und hatte in dieser Funktion den konservativen Kurs von Johannes Paul II. entscheidend geprägt. Er galt als Garant für Kontinuität.

Die Verfechter einer Öffnung der katholischen Kirche hofften auf den ebenfalls 78-jährigen Carlo Maria Martini. Der ehemalige Erzbischof von Mailand stand für einen liberalen Kurs und galt als Gegenspieler von Ratzinger. Doch er kam nur auf neun Stimmen, eine weniger als Jorge Bergoglio, dem im Vorfeld niemand eine Chance gegeben hatte. So steht es in den Aufzeichnungen des anonymen Kardinals, die Lucio Brunelli im September 2005 in der Zeitschrift «Limes» veröffentlichte. Das progressive Lager musste zur Kenntnis nehmen, dass sein Einfluss in der langen Amtszeit von Johannes Paul II. arg geschrumpft war.

Nun rückte Bergoglio in den Vordergrund. Der 69-jährige Jesuit war in kirchlichen Fragen streng konservativ, doch im Gegensatz zum abgehobenen Intellektuellen Ratzinger galt er als volksnaher, bescheidener Seelsorger. Er lebte nicht im erzbischöflichen Palais in Buenos Aires, sondern in einer einfachen Wohnung und hatte stets ein offenes Ohr für die Nöte der Armen. Und als Argentinier verkörperte er den Anspruch Lateinamerikas, wo weltweit die meisten Katholiken leben. Zwei Kardinäle werden im Tagebuch als Drahtzieher für Bergoglio identifiziert: Der Mainzer Karl Lehmann und Godfried Daneels, der Erzbischof von Brüssel.

Hoffen auf einen neuen Kandidaten

Nach dem Abendessen kam es in der Casa Santa Marta, dem Gästehaus des Vatikans, zu zahlreichen «informellen» Treffen. Das Ergebnis zeigte sich im zweiten Wahlgang am Morgen des 19. April: Joseph Ratzinger legte stark zu, auf 65 Stimmen, doch auch Jorge Bergoglios Anteil stieg erheblich. Er erhielt die Unterstützung von 35 Kardinälen. Wieder quoll schwarzer Rauch aus dem Ofen in der Sixtinischen Kapelle. Unmittelbar danach folgte der erwähnte dritte Wahlgang und das Patt. Nun hätten nochmals 30 Wahlgänge vergehen können. Erst danach hätte das absolute Mehr für die Wahl gereicht.

Ein solches Szenario jedoch war wenig wahrscheinlich. Eher hätten die Kardinäle nach einem neuen, noch unbekannten Mann gesucht, auf den sie sich als Kompromisskandidaten einigen konnten. Genau darauf sollen die Bergoglio-Anhänger spekuliert haben. Ihnen ging es in erster Linie darum, Ratzinger zu verhindern, denn der Argentinier hatte so oder so keine Chance, Papst zu werden. Seine Unterstützer sollen laut dem Tagebuch fest mit einem Wechsel gerechnet haben. «Morgen gibt es grosse Neuigkeiten», habe Carlo Maria Martini einem anderen Kardinal in der Mittagspause mit einem sybillinischen Lächeln zugeflüstert.

Opus-Dei-Kardinäle machten mobil

Nun aber trat die Ratzinger-Fraktion auf den Plan. Sie begann ihrerseits, die Kardinäle zu «bearbeiten». Besonders stark taten sich ausgerechnet zwei Kurienkardinäle aus Lateinamerika hervor: Alfonso Lopez Trujillo aus Kolumbien und sein Landsmann Dario Castrillon Hoyos, beide erzkonservativ und Mitglieder der umstrittenen Organisation Opus Dei. Sie versuchten ihre Kollegen zu überzeugen, dass es keine echte Alternative zu Ratzinger gab. Ausserdem hätten sie vor einer Spaltung der Kirche gewarnt, erklärte der bekannte Vatikan-Insider Marco Politi in einer Dokumentation des ZDF.

Das Lobbying zeigte Wirkung. Um 16 Uhr kehrten die Kardinäle in die Kapelle zurück. Im vierten Wahlgang erreichte Joseph Ratzinger 84 Stimmen und damit 73 Prozent. Er war zum Papst gewählt worden und nahm den Namen Benedikt XVI. an. Gemäss Tagebuch quittierte das Kollegium die Wahl mit einem «langen, herzlichen Applaus». Das Konklave hatte nur rund 24 Stunden gedauert und war eines der kürzesten der Kirchengeschichte.

Nur einen Wahlgang mehr brauchte das Kardinalskollegium in diesem Jahr, um sich auf Bergoglio zu einigen. Als Favorit war er auch dieses Mal nicht gehandelt worden. Mit 76 Jahren hielten ihn viele bereits für zu alt. Ob es ausgleichende Gerechtigkeit war, könnte man erfahren, wenn erneut ein geheimes Tagebuch veröffentlicht wird. Dies dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

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