28.05.2016 06:27

RegierungskriseDas letzte Raucher-Paradies in Europa

In Tschechien qualmen Raucher in Bars nach Herzenslust. Weil die Regierung sich über ein Gesetz zerstritten hat, bleibt das auch so. Aus der EU droht jetzt Ungemach.

von
mlr
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Rauchende Menschen in Cafés und Bars: In Tschechien ist das noch ganz normal, weil es als einziges EU-Land kein Anti-Raucher-Gesetz hat.

Rauchende Menschen in Cafés und Bars: In Tschechien ist das noch ganz normal, weil es als einziges EU-Land kein Anti-Raucher-Gesetz hat.

AFP/Pedro Armestre (Symbolbild)
Restaurant am Prager Altstädter Ring, dem zentralen Marktplatz. In der tschechischen Gastronomie rauchen die Gäste nicht nur draussen.

Restaurant am Prager Altstädter Ring, dem zentralen Marktplatz. In der tschechischen Gastronomie rauchen die Gäste nicht nur draussen.

epa/Filip Singer
Eine Zigi zum Weissbier in einem Münchner Braukeller? Seit einigen Jahren undenkbar. In Deutschland und allen anderen EU-Ländern darf in Kneipen und Restaurants nicht geraucht werden.

Eine Zigi zum Weissbier in einem Münchner Braukeller? Seit einigen Jahren undenkbar. In Deutschland und allen anderen EU-Ländern darf in Kneipen und Restaurants nicht geraucht werden.

AP/Christof Stache

In den Beizen und Restaurants von Prag ist die Welt für Raucher noch in Ordnung: Hier können sich die Gäste eine Zigarette anstecken, ohne dafür belangt zu werden. Tschechien ist das letzte europäische Land, in dem es kein strenges Anti-Raucher-Gesetz gibt. Die Wirte können selbst entscheiden, ob sie Zigarettenrauch am Tresen dulden oder nicht. Präsident Miloš Zeman ist selbst starker Raucher und sieht sein Laster pragmatisch: «Rauchen ist das beste Mittel gegen Alzheimer. Man kann daran niemals erkranken – weil man vorher stirbt», sagte er einst beim Besuch einer Zigarettenfabrik.

Dass sich an Tschechiens laxer Gesetzgebung erst einmal nichts ändert, dafür haben die Regierungsparteien gesorgt – wenn auch eher unfreiwillig. Ein lange geplantes Gesetz für ein Rauchverbot in Kneipen ist in dieser Woche im Parlament gescheitert. Das sorgt innerhalb der Regierung für dicke Luft, Medienberichten zufolge standen sogar Neuwahlen zur Debatte. Am Mittwoch wiesen die Volksvertreter eine Vorlage ab, nachdem ein Bündnispartner dem Vorhaben seine Unterstützung versagt hatte. Die meisten Neinstimmen kamen von Abgeordneten der Ano-Partei unter Führung von Finanzminister Andrej Babiš. Der Chef der Sozialdemokraten, Ministerpräsident Bohuslav Sobotka, warf den Ano-Mitgliedern daraufhin vor, die Tabak-Lobby zu begünstigen.

Bürger wollen das Gesetz

Babiš konterte, es seien Sobotkas Sozialdemokraten, die das Gesetz begraben hätten, indem sie einem Vorschlag der Opposition zugestimmt hätten, der das Rauchen in abgetrennten Räumen in Gaststätten erlaubt hätte. Eine Mehrheit der tschechischen Bürger ist für ein Tabakverbot in Bars, auch im Parlament sitzen laut einer Umfrage erstmals mehr Nichtraucher als Raucher, berichtet «Die Welt».

Die Chefs der Regierungsparteien wollen den Disput beilegen – nicht zuletzt, weil die Europäische Union mit Sanktionen und Subventionskürzungen droht. Eigentlich sollten alle EU-Mitglieder bis zum 20. Mai ein Anti-Raucher-Gesetz haben. Tschechien ist das einzige EU-Land, das diese Deadline nicht eingehalten hat. Seit 1994 bemühten sich sämtliche Gesundheitsminister des Landes um ein solches Gesetz – immer ohne Erfolg.

Ob es vor den Wahlen 2017 einen neuen Versuch geben wird, das Rauchen in der Gastronomie zu verbieten, ist unklar. Premier Sobotka drängt laut Bloomberg.com darauf und beschuldigte die Ano-Partei, Tschechien in ein «Raucher-Museum» zu verwandeln. In der tschechischen Hauptstadt behelfen sich Nichtraucher derweil auf ihre eigene Weise: Sie gründen immer mehr Kneipen, in denen der Glimmstängel untersagt ist.

(mlr/sda)

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