Wikileaks-Enthüllungen: Das Lotterleben der Saudi-Prinzen
Aktualisiert

Wikileaks-EnthüllungenDas Lotterleben der Saudi-Prinzen

Nach aussen ist Saudi-Arabien ein erzkonservatives, islamisches Land. Hinter den Kulissen aber lassen Mitglieder der Königsfamilie nichts anbrennen.

von
Brian Murphy
dapd
Der saudische König Abdullah, umgeben von Mitgliedern der weitverzweigten Herrscherfamilie.

Der saudische König Abdullah, umgeben von Mitgliedern der weitverzweigten Herrscherfamilie.

Viel Alkohol, wenig Kleidung und heisse Flirts. Ein DJ bringt die Tanzfläche zum Kochen. Eine Strandparty auf Mallorca? Der neuste Szeneclub in Berlin? Falsch: Jeddah in Saudi-Arabien, gut 20 Kilometer westlich der heiligen Stadt Mekka. Hinter dem Schleier einer der strengsten Auslegungen des Islams lässt sich die Jugend ihren Spass nicht nehmen. Die Sittenpolizei drückt ein Auge zu – zumindest wenn der Gastgeber zur Königsfamilie gehört.

Kenner der Region wissen längst von den zwei Seiten der saudischen Frömmigkeit zu berichten. Ein am Mittwoch von der Internetplattform Wikileaks enthülltes Dokument hat es nun bestätigt. Ein US-Diplomat war auf geheimer Mission im Land unterwegs. Sein Auftrag: die «sozialen Interaktionen» der Jugend der arabischen Oberschicht zu beobachten. Sein Report liest sich wie ein Artikel aus einem Lifestyle-Magazin.

«Das Nachtleben im Untergrund floriert», schreibt der Diplomat. Die Elite in der Hafenstadt am Roten Meer brauche praktisch auf nichts zu verzichten. «Die volle Bandbreite weltlicher Laster ist verfügbar: Alkohol, Drogen, Sex – aber alles hinter verschlossenen Türen.» Wohlgemerkt, es geht hier um Saudi-Arabien, dem Land, in dem Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen und Gefängnisstrafen drohen, wenn sie mit fremden Männern auch nur ins Gespräch kommen.

Der Schleier wird am Eingang abgelegt

Der Bericht von der Party eines saudischen Prinzen liefert einen lebendigen Eindruck vom Leben hinter der Fassade des Wahabismus, der in Saudi-Arabien praktizierten erzkonservativen Auslegung des Islam. Am Eingang erfolgt zunächst ein Sicherheitscheck. An der Garderobe legen die Damen ihre schwarzen, von Kopf bis Fuss reichenden Schleier ab. Im Inneren des Klubs servieren philippinische Kellnerinnen schwarz gebrannten Wodka. Prostituierte bieten offen ihre Dienste an. «Nichts Ungewöhnliches auf solchen Partys», schreibt der US-Diplomat.

Zwischen der offiziellen Sittenlehre und der inoffiziellen Praxis scheint auf der arabischen Halbinsel eine tiefe Lücke zu klaffen. «Wenn man sich mit den Gesellschaften des Nahen Ostens beschäftigt, merkt man schnell, dass hier mehrere Schichten übereinander lagern», sagt Salman Schaich vom Brookings-Zentrum Doha, der katarischen Dependance eines US-Instituts.

Dass die Veröffentlichung des Berichts irgendwelche Folgen haben wird, glaubt der Wissenschaftler nicht. «Natürlich kann so etwas zu Verlegenheit führen», sagt Schaich, «aber in einer verschlossenen Gesellschaft wie der saudischen gibt es einer Reihe stillschweigender Abkommen». Niemand im Land habe ein Interesse daran, einem solchen Bericht mehr Aufmerksamkeit zu schenken als notwendig.

Sittenwächter schauen weg

Im Königreich gibt es laut dem «Guardian» mehr als 10 000 Angehörige der Herrscherfamilie. Der Name des Prinzen, der zu dem ausschweifenden Fest in Jeddah geladen hatte, war in dem Wikileaks-Dokument geschwärzt. Es sei keiner der potenziellen Thronfolger gewesen, schreibt der Autor, aber doch einer mit «beträchtlichen Privilegien». Die sonst allgegenwärtige Religionspolizei sei nirgends in der Nähe zu sehen gewesen.

«Unter der Oberfläche geniesst die Jugend in Saudi-Arabien relativ viele Freiheiten, auch was die Sexualität anbelangt», so das abschliessende Urteil des US-Diplomaten. Ein Urteil, das auch die saudische Frauenrechtlerin Wadscheha al Hawaidar bestätigt. Die Hingabe zu Vergnügungen nach westlichem Vorbild sei ein offenes Geheimnis. «Das Leben sucht sich seine Wege, auch wenn man eine Gesellschaft unter noch so starken Druck stellt», sagt Hawaidar. «Wir sind schliesslich nicht aus Fels, wir sind Menschen.»

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