Nutzer wandern ab: Das machen Facebook und Snapchat falsch
Publiziert

Nutzer wandern abDas machen Facebook und Snapchat falsch

Bei Snapchat, Facebook und Twitter verschwinden die Nutzer. Nur Instagram boomt noch so richtig. Eine Übersicht, was bei den Firmen los ist.

von
R. Knecht

Passanten in Zürich verraten, welche Onlineplattformen sie nutzen und warum. Und wieso sie manchmal ihre Accounts löschen. (Video: rkn)

Viele der grossen Social-Media-Plattformen beginnen Nutzer zu verlieren – auch in der Schweiz. Laut einer Studie von Publicom nutzen 55 Prozent der Schweizer Bevölkerung soziale Medien, vier Prozent weniger als vor einem Jahr.

Was ist los bei den Platzhirschen und wohin wandern die Nutzer ab? Eine Übersicht:

• Snapchat verliert Nutzer an Instagram

Snapchat verliert schon seit zwei Quartalen Nutzer. Vor einem halben Jahr hiess es, das habe wohl mit dem umstrittenen Redesign vom Februar 2018 zu tun. Für Michael Klaas, Leiter der Fachstelle Digital Marketing an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), ist das aber nur ein Teil des Problems. Ein weiterer sei, dass Instagram zum Topkonkurrenten aufgestiegen sei: «Instagram wirkt auf viele Anwender ästhetischer, weil Nutzer sich von den Fotos her gewöhnt sind, sich ins beste Bild zu setzen», sagt Klaas zu 20 Minuten. Zudem sei es für Nutzer einfacher zu verhindern, dass man mit Unternehmen und deren Marken in Kontakt komme. Darum seien viele Anwender von Snapchat auf Instagram umgestiegen.

• Facebook verliert Vertrauen wegen Datenskandalen

Bei Facebook stagnieren die Nutzerzahlen langsam. In Europa sinken sie sogar schon um eine Million pro Quartal. Die jüngsten Datenskandale um Facebook dürften hier eine Rolle spielen. Laut Klaas von der ZHAW ist das aber nicht die alleinige Antwort: «Viele Anwender haben Facebook den Rücken gekehrt, weil sie sich auf anderen Plattformen wohler fühlen.» Facebook habe sich aus Nutzersicht kaum weiterentwickelt und es fehle das Neue. Die Plattform ist längst nicht mehr das Netzwerk der jungen Generation, sondern das der über 35-Jährigen, wie Klaas sagt.

• Google+ wird komplett eingestellt

Google hat beschlossen, seine Plattform Google+ für Konsumenten demnächst dichtzumachen. Der Service hat rund 400 Millionen aktive Nutzer pro Monat. Google nahm ein Jahre altes Datenleck zum Anlass, den Stecker zu ziehen. Manche Nutzer spekulieren, Google habe vor allem nach einem Grund gesucht, den unrentablen Service einzustellen. Klaas kann diese Spekulationen verstehen: «Die Nutzung von Google+ als Community- oder Social-Media-Plattform war schon seit Jahren eher ein Nischenthema.» Zwar hätten sich die Nutzerzahlen gut entwickelt, das habe aber an der Kopplung an andere Google-Angebote wie Youtube gelegen und nicht an der Nutzung der Plattform für die Kommunikation.

• Twitter verliert Nutzer wegen Fake-Accounts

Twitter verliert 3 Prozent seiner Nutzerbasis in einem Vierteljahr und sagt, es liege daran, dass die Firma verdächtige Mitglieder und Konten vom Service verbannt habe. «Da die Nutzung von Fake-Accounts seit einigen Jahren gängige Praxis ist, dürfte hier schon eine recht grosse Anzahl zu löschender Accounts existieren», sagt Klaas. Für Twitter sei die schrumpfende Nutzerzahl darum kein Alarmsignal – und auch die Finanzwelt reagiere darauf bisher eher positiv. Klaas geht davon aus, dass Twitter seine Nutzerbasis noch weiter verkleinern wird.

• Instagram wächst weiter

Zwar liefert der Mutterkonzern Facebook in seinen Quartalsberichten zu Instagram keine gesonderten Nutzerzahlen, der Service scheint aber sein Wachstum fortzuführen. Kürzlich überholte Instagram Snapchat als meistgenutztes soziales Netzwerk bei amerikanischen Teenagern und Mitte Jahr erreichte die Plattform erstmals eine Milliarde Nutzer pro Monat. Laut Klaas von der ZHAW liegt der Erfolg von Instagram an der leichten Bedienung, dem ästhetischen Erscheinungsbild und der grossen Community, womit der Service insbesondere Snapchat zunehmend Nutzer abgewinnen kann. Snapchat sei zu komplex und zu wenig intuitiv geworden – das sei vor acht Jahren schon MySpace zum Verhängnis geworden.

Bei den Nutzerzahlen handelt es sich um monatlich aktive Nutzer, also nicht bloss um registrierte User.

Internet-Erfinder ist enttäuscht vom Web

Internet-Erfinder Tim Berners-Lee ist der Meinung, dass grosse Firmen wie Facebook und Google «das Netz, wie wir es kennen und lieben» bedrohen. Er sei enttäuscht vom aktuellen Zustand des Internets. Konkret würden Unternehmen Daten zu wenig schützen und ihre Algorithmen seien nicht transparent, wie «The Telegraph» berichtet. Darum hat Berners-Lee eine «Magna Carta For The Web» lanciert, die Prinzipien zum Umgang mit Daten und Algorithmen definiert, nach denen Firmen sich richten sollen. Unterstützung erhält er nicht nur von Investoren und Politikern wie Richard Branson und Gordon Brown, sondern auch von Facebook und Google – genau den Firmen, die Berners-Lee im Zusammenhang mit seinen Bedenken namentlich genannt hat.

(Bild: Keystone/Walter Bieri)

Deine Meinung