Gerichtspsychiater Sachs: Das macht Ihre Kinder zu Schlägertypen

Aktualisiert

Gerichtspsychiater SachsDas macht Ihre Kinder zu Schlägertypen

Gerichtspsychiater Josef Sachs hat untersucht, warum Kinder zuschlagen. Er warnt davor, dass die wachsende soziale Kluft zwischen Arm und Reich zu mehr Jugendgewalt führen wird.

von
D. Pomper
Gerichtspsychiater Josef Sachs: «Die besten Eltern können ein Schläger-Kind haben und die schlechtesten Eltern ein friedliches Kind.»

Gerichtspsychiater Josef Sachs: «Die besten Eltern können ein Schläger-Kind haben und die schlechtesten Eltern ein friedliches Kind.»

Herr Sachs, haben Sie sich als Kind auch einmal geprügelt?

Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, in dem die Jugendlichen der einzelnen Dorfteile untereinander verfeindet waren. Auf dem Schulweg kam es deswegen dann und wann zu kleineren Prügeleien. Ich erinnere mich daran, dass wir sogar einen Dorfkrieg vorbereit hatten. Wir haben Waffen gesammelt. Ich hortete Holzstücke, Pfeil und Bogen unter der Holztreppe. Der Krieg fand dann allerdings nie statt.

Ist jedes Kind, das sich mal prügelt, auch gewalttätig?

Inzwischen müssen Kinder, die ein anderes mal unsanft anfassen, oft gleich zum Schulpsychologen. Es hat eine Art Übersensibilisierung beim Thema Gewalt stattgefunden. Es ist sicher nicht jedes Kind, das sich mal prügelt, auch gewalttätig. Dass sich Kinder zwischendurch raufen ist normal.

Wann ist ein Kind denn gewalttätig?

Von einem gewaltbereiten Kind würde ich sprechen, wenn sich die Prügelei weg vom Spielerischen hin zum Sadistischen entwickelt. Wenn es keine Grenzen kennt und die Schmerzen und das Leiden des Gegenübers nicht erkennt. Und wenn ein Kind Konflikte generell über einen längeren Zeitraum mit Gewalt löst.

Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass Gewaltdelikte bei Kindern und Jugendlichen abnehmen. Das ist doch ein gutes Zeichen?

In den 90er-Jahren bis Anfang der 2000er nahm die Zahl gewalttätiger Jugendlicher zu. In den letzten Jahren ist die Zahl zwar leicht rückläufig, aber die einzelnen Delikte zeugen von mehr Gewalt. Was ich aber vor allem feststelle, ist, dass sich verschiedene soziale Schichten in der Schweiz immer weniger durchmischen. In der Gesellschaft findet eine Fragmentierung statt.

So wie das etwa in Frankreich der Fall ist, wo die ärmere, bildungsferne Bevölkerung oft in den Banlieus lebt?

Genau. Auch in der Schweiz gibt es Orte wie den Zürichberg, wo Gewalt kaum ein Thema ist und die Bevölkerung auch dank Präventionsmassnahmen extrem für das Thema sensibilisiert ist. Und dann gibt es Gemeinden mit vergammelten Quartieren, wo die Schulen schlechter sind und mehr sozial benachteiligte Menschen leben. Kleine Gruppen von randständigen Jugendlichen sind unbetreut auf der Strasse, konsumieren Alkohol und Drogen und werden gewalttätig. Ihre Eltern tolerieren das oder sind schlicht nicht daran interessiert, was ihre Kinder so treiben. Sie leben in einer eigenen Welt mit eigenen Werten und fragwürdigen Vorbildern, etwa Gangster-Rappern. Es ist ein schleichender Prozess, der in Frankreich, England oder auch Deutschland schon längst Einzug gehalten hat.

Wie kann man dieses Problem in den Griff bekommen? Braucht es eine Sittenpolizei?

Das ist der falsche Weg. Jetzt sind die Politiker gefordert. Sie müssen verhindern, dass das Schulwesen privatisiert wird oder die Eltern entscheiden dürfen, an welche Schulen ihre Kinder gehen dürfen. Das führt zu Subkulturen. Auch der Städtebau ist sehr wichtig. Die Vermischung der Quartiere muss besser werden, sonst sind am Ende die Reichen und die Armen nur noch unter sich. Das würde die Gewaltproblematik weiter verschärfen.

Sie haben gemeinsam mit dem forensischen Kinder- und Jugendpsychiater untersucht, was Kinder zu Schlägern macht. Wie kann ich als Vater oder Mutter verhindern, dass mein Kind gewalttätig wird?

Eltern haben eine wichtige Vorbildfunktion. Streiten sich die Eltern und der Vater schlägt zu oder die Mutter flüchtet sich hinter den Fernseher oder das Handy, dann lernt ein Kind natürlich nicht, wie man Konflikte mit Worten löst.

Es gibt auch viele Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen.

Es ist wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern Zeit verbringen, gemeinsam Dinge unternehmen und sich mit ihnen unterhalten. Eine halbe Stunde pro Tag reicht da nicht aus. Eltern müssen wissen, wie es im Kind drin aussieht. Geben sich Eltern nicht mit ihren Kindern ab, dann führt das bei diesen zu einem Gefühl gähnender Langeweile. Solche Jugendlichen suchen oft den Kick, indem sie rumhängen und Alkohol und Drogen ausprobieren. Kinder, die Probleme haben, machen oft selbst Probleme.

Also besser strukturierte Tage mit Musikunterricht, Sport und Pfadi?

Ja. Allerdings sind die Kinder heutzutage ja schon so verplant, dass ihnen jegliche Verantwortung abgenommen wird. Solche Kinder tun sich später schwer, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Ich kenne einen Jugendlichen, der einen Mann anschoss. Er behauptete, er habe nur in die Luft schiessen wollen. Dummerweise sei ihm der andere vor den Lauf gestanden. Das war ein groteskes Abschieben von Verantwortung. Dieses Verhalten ist bei vielen jungen Schlägern zu beobachten.

Eltern müssen ziemlich viele Punkte beachten, damit ihr Kind kein Schläger wird …

Grundsätzlich gilt: Solange die Beziehung mit dem Kind stimmt, sind Erziehungsfehler nicht so schlimm. Aber es gibt kein Betty-Bossi-Rezept für ein friedfertiges Kind: Die besten Eltern können ein Schläger-Kind haben und die schlechtesten Eltern ein friedliches Kind. Denn ob ein Kind gewalttätig ist oder nicht, kann auch viele andere Ursachen haben.

Welche?

Gewalttätigkeit kann in der Persönlichkeit verankert sein. Es gibt Kinder, die sich schon sehr früh auffällig und unsozial verhalten, den anderen Kindern das Znüni wegnehmen. Man muss Kindergärtnerinnen ernst nehmen, wenn sie so etwas feststellen. Im frühen Altern kann man Kinder mit therapeutischer Hilfe relativ gut auf den richtigen Weg bringen.

Killergames machen gewalttätig, heisst es. Stimmt das?

Kinder, die eine gute Art von Konfliktlösung gelernt haben, vertragen solche Spiele. Problematisch ist der intensive Konsum solcher Spiele für Kinder, die das nicht gelernt haben.

Buben sind gewalttätiger als Mädchen. Stimmt das?

Nimmt man die Faust als Massstab, dann stimmt das. Doch Mädchen sind nicht weniger grausam. Sie können etwa mit Cybermobbing ihre Opfer psychisch fertigmachen und so unter Umständen einen grösseren Schaden verursachen. Im Vergleich zu Deutschland, Skandinavien oder angloamerikanischen Ländern haben wir noch immer kein Anti-Stalking-Gesetz. Strafrechtlich kann man nichts gegen solche Belästigungen unternehmen. Hier braucht es dringend neue rechtliche Instrumente.

Josef Sachs ist Chefarzt Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau PDAG und arbeitet als Gerichtspsychiater. Er hat eine reiche Erfahrung mit der Beurteilung und Therapie von jugendlichen Gewalttätern. Im Mai erscheint sein Buch: «Faszination Gewalt: Was Kinder zu Schlägern macht» im Orell Füssli Verlag.

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