Bosnienkrieg: Das Massaker von Srebrenica
Aktualisiert

BosnienkriegDas Massaker von Srebrenica

Im Juli 1995 nahmen die bosnisch-serbischen Truppen von General Mladic die Uno-Schutzzone Srebrenica ein. Damit begann das grösste Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Am 26. Mai 2011 ist Ratko Mladic, der ehemalige Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Truppen im Bosnienkrieg (1992-1995), festgenommen worden. Mladics Festnahme weckt die Erinnerung an ein traumatisches Ereignis, das durch die Uno als Völkermord klassifiziert worden ist: das Masskaer von Srebrenica.

Im bosnischen Bürgerkrieg war die Region um die Stadt Srebrenica von der Uno zur Schutzzone deklariert worden, tausende bosnische Muslime flüchteten vor den bosnischen Serben dorthin. Als die Einheiten der bosnisch-serbischen Armee die eingekesselte ostbosnische Stadt einnahmen, die von niederländischen Uno-Soldaten nur unzureichend verteidigt war, setzte sich ein Flüchtlingstreck von etwa 25 000 Menschen in Bewegung. Das Ziel der verzweifelten Menschen: Das rund sechs Kilometer entfernte, ebenfalls in der Schutzzone gelegene Potocari, wo die holländischen Blauhelme des «Dutchbat» ihr Hauptquartier hatten.

Selektion und Abtransport

Doch die Sicherheit, die sich die Flüchtlinge von den Blauhelmen erhofften, erwies sich als trügerisch: Vom 11. auf den 12. Juli verschärfte sich die Lage der eingeschlossenen Menschen zusehends; am 12. und 13. Juli begannen die bosnisch-serbischen Soldaten unter den Augen der mutlosen Holländer die «wehrfähigen» Männer im Alter von 12 bis 77 Jahren aus der Masse der Flüchtlinge zu selektionieren. Frauen und Kinder wurden in Busse verfrachtet und aus der Enklave ins Niemandsland gefahren, von wo sie zu Fuss in das Gebiet unter Kontrolle der bosnischen Regierung und damit in Sicherheit gelangten. Die Konvois wurden von bosnisch-serbischen Soldaten kontrolliert; Männer wurden aus den Bussen geholt und abgeführt.

Mladic verhandelt mit Karremans

Treck in den Tod

Auf die zurückgehaltenen Männer wartete ein grausames Schicksal: Sie wurden abgeführt und erschossen. Ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt. Jene bis zu 15 000 Menschen, die sich in die umliegenden Wälder geflüchtet hatten und sich in einem Treck ins rund 70 Kilometer entfernte Tuszla retten wollten, wurden mit Artillerie beschossen. Wer den bosnisch-serbischen Kräften in die Hände fiel, wurde meist hingerichtet.

Massenexekutionen sollten vertuscht werden

Das Töten, oft in sorgfältig organisierten Massenexekutionen nördlich von Srebrenica, dauerte bis zum 17. Juli. Der serbisch-bosnischen Mordmaschine fielen insgesamt gegen 8000 Menschen zum Opfer.

Nach dem Krieg wurden insgesamt 21 Massengräber gefunden, in denen Überreste der Opfer von Srebrenica lagen. Mehrere dieser Grabstätten wurden später zerstört, die Leichen entfernt und an anderer Stelle wieder vergraben; offenbar, um die Tat zu vertuschen.

Die niederländischen Uno-Soldaten, deren Kommandant Karremans sich nach der Einnahme Srebrenicas beim Zuprosten mit dem bosnisch-serbischen General Mladic fotografieren liess, konnten unbehelligt abziehen. In Zagreb feierten einige von ihnen ausgelassen, während in den Wäldern um Srebrenica das Morden seinen Lauf nahm.

Ein Massaker und seine Folgen

Nach dem Krieg wurde die Kritik am Dutchbat lauter. Auch wenn die Lage der holländischen Uno-Soldaten in der eingekesselten Schutzzone anerkannt schwierig war — sie hatten doch nur sehr wenig unternommen, um die ihnen anvertraute Bevölkerung zu schützen. Zu Beginn mauerte Den Haag, aber 2002 musste die Regierung Kok nach Erscheinen eines Untersuchungsberichts zurücktreten.

Im November 2004 entschuldigte sich dann die Regierung der «Republika Srpska» zum ersten Mal für die Geschehnisse vom Juli 1995 in Srebrenica.

Mehrere Personen mussten sich vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen des Massakers verantworten; einige davon wurden bereits verurteilt. Andere Prozesse befinden sich noch in der Anfangs- oder in der Berufungsphase.

Die beiden bekanntesten Angeklagten, Radovan Karadzic — damals Präsident der «Republika Srpska» — und der Befehlshaber der bosnisch-serbischen Truppen, Radko Mladic, konnten erst 2008 beziehungsweise 2011 festgenommen werden, nachdem sie jahrelang untergetaucht waren.

(dhr/sda)

Bosnienkrieg

Der Krieg im ehemaligen jugoslawischen Teilstaat Bosnien-Herzegowina dauerte vom April 1992 bis Ende 1995. Er war der blutigste der Kriege, die im Zuge der Auflösung des jugoslawischen Vielvölkerstaats ausbrachen; den Kampfhandlungen und Kriegsverbrechen fielen rund 100 000 Menschen zum Opfer.

Die hauptsächlichen Parteien im Konflikt waren die muslimischen Bosniaken, die bosnischen Serben sowie die bosnischen Kroaten.

Der Krieg endete mit der Anerkennung von Bosnien-Herzegowina als eigenständigem Staatswesen, das intern in zwei nahezu unabhängige Einheiten gespalten ist; die bosniakisch-kroatische Föderation und die bosnisch-serbische «Republika Srpska».

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