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Alltägliche ZensurDas miese Spiel der Mutlosen und Mächtigen

Die Degen-Zwillinge verhindern die Publikation eines Gesprächs, von dem sie begeistert waren – ein Einzelfall? Nein, die Verstümmelung von Interviews hat im deutschen Sprachraum System.

von
P. Dahm

Der Berlin-Korrespondent des «Guardian» sitzt mit vier US-Kollegen im Kanzleramt, um Angela Merkel zu interviewen. «Ich fragte den Sprecher, was passieren würde, wenn ich meine Aufnahme benutze, ohne sie autorisieren zu lassen. Die Antwort war knapp und klang belustigt: ‹Wir schreiben einen Brief an ihren Chefredaktor. Wir werden abstreiten, dass sie das je gesagt hat.› Die Warnung, die mitschwang: Dann gibt es hier keinen Zutritt mehr für Ihre Zeitung.»

Die Journalisten protestieren. Erfolglos. Als sie das autorisierte Transkript des Gesprächs mit Merkel zurückerhalten, fehlt der ihrer Meinung nach interessanteste Punkt. «Das ist der Modus operandi – die ungeschriebenen Gesetze zwischen Politik und Medien in Deutschland.» Während in den USA und Grossbritannien meist das gesprochene Wort gilt, hat sich im deutschsprachigen Raum die Unsitte etabliert, Gespräche mit Journalisten zu kontrollieren.

«Es redete nicht mehr Cottier, sondern eine Kunstfigur»

Auch in der Schweiz. Legendär der Fall von CVP-Präsident Anton Cottier, der dem Nachrichtenmagazin «Facts» vor den Nationalratswahlen 1995 ein Interview gewährte. Die Journalisten hatten mit dem Freiburger vereinbart, dass er allfällige Missverständnisse und Fehler korrigieren dürfe – als dieser das Transkript jedoch zurückschickte, hatte er unzählige Korrekturen angebracht, Fragen und Antworten gestrichen, zum Teil gar Aussagen ins Gegenteil gekehrt. Nach langem Hin und Her gab Cottier eine «Schlussfassung» frei.

Chefredaktor Jürg Wildberger wollte sich das nicht gefallen lassen: Er publizierte neben der vom Politiker überarbeiteten Fassung auch einen Teil des Originals. Nun sahen die Leser, welche seiner Aussagen der Christdemokrat nicht hatte lesen wollen – äusserst entlarvend. «Es redete nicht mehr Cottier, sondern eine Kunstfigur, ausgerüstet mit Argumenten von parteiinternen Wahlberatern», argumentierte Wildberger im Editorial.

Interessant, weil es der Bundesrat verhindern wollte

Ähnlich der Fall des damaligen Armeechefs Christophe Keckeis im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» 2004: Über 150 Korrekturen verlangte der höchste Militär und seine Entourage. Dreimal wurde das Interview überarbeitet, stundenlang um Formulierungen gefeilscht – bevor es Keckeis' Vorgesetzter, Bundesrat Samuel Schmid, letztlich ganz abschiessen wollte. Das Gespräch erschien, und es war schon allein deswegen interessant, weil ein Regierungsmitglied höchstpersönlich versucht hatte, es zu verhindern.

Konsequenter war da die Haltung von Moritz Leuenberger 2010: Er wollte der «Weltwoche» zu seinem Abschied aus der Regierung gar nicht erst Red und Antwort stehen. Chefredaktor Roger Köppel publizierte eine weisse Seite mit einem kurzen bissigen Kommentar. Öffentlichkeitsprinzip ad asurdum.

«Im Interview wollte der FC Bayern diese Äusserungen nicht lesen»

So weit die Politik. Noch verbreiteter ist der Hang zur totalen Kontrolle in Ressorts, bei denen der Leser womöglich gar nicht damit rechnet: im Sport und in der Unterhaltung. Und die Zensur betrifft mitnichten nur freie Journalisten wie Christian Nill, dessen Interview mit den Degen-Brüdern vom Netz genommen werden musste. Auch Branchengrössen kämpfen mit Kickern und Klubs: Der FC Bayern verbot der «Süddeutschen Zeitung» 2008, Franck Ribérys Forderung nach neuen Spielern «von hoher Qualität» zu drucken. Die Lösung der SZ: Im vom Fussballklub abgesegneten Sportartikel wurde der entscheidende Satz gestrichen, dafür brachten die Münchener die Information im «Streiflicht», der Front-Glosse der Zeitung.

Der Fall löste im ganzen Verlag Diskussionen aus, «weil solche Erfahrungen quer durch die Ressorts gemacht werden», sagte Sportchef Ludger Schulze später im Fachmagazin «Journalist». Früher war das anders. «Interviews wurden im Zwiegespräch abgemacht, kein Pressedirektor wachte darüber, und der Begriff ‹Autorisierung› war nicht mal als Fremdwort bekannt – er existierte nicht», sagt Sportredaktor Philipp Selldorf.

Nur nichts über Alkohol und Lesben

Als Folge müssen die Leser nun «all die Floskeln, die gebügelten und gefönten rhetorischen Standards und die Binsenweisheiten» ertragen, die moderne Kicker in «geübter Selbstzensur» vom Stapel lassen, so Selldorf weiter. Leider kann der Interessierte nur selten nachvollziehen, wie weitreichend und willkürlich die Änderungen sind, die Mediensprecher an journalistischen Texten vornehmen.

Die seltene Ausnahme: Letztes Jahr plauderte die «taz» in ihrem Hausblog aus dem Nähkästchen: Die Berliner hatten eine deutsche Fussballerin interviewt: «Gut die Hälfte hatten Lira Bajramajs Manager gestrichen. Laut dem Interview, das wir zurückbekamen, soll Bajramaj mehrmals gesagt haben, wie wichtig es ihr ist, mit ‹attraktivem Fussball› zu begeistern. Sie soll gesagt haben, dass Fussball doch ‹ein Spiel mit Emotionen› sei. Bajramaj spricht, geht es nach ihren Managern, sogar in Smileys.» Die Themen Alkohol und Lesben im Frauenfussball fielen ganz unter den Tisch.

Da wird sogar Helge Schneider unlustig

Ursprünglich hatte das Gegenlesen den Zweck, Details zu berichtigen und allenfalls Straffungen abzulehnen, die den Sinn verändern. Es ging darum, Missverständnisse auszuräumen. Doch gerade die Promis missbrauchen diesen Korrekturvorgang: «Oft wird die Autorisierung als Waffe gegen interessante Interviews genutzt – und nicht dazu, Fehler zu korrigieren», konstatierte Filmredaktor Hanns-Georg Rodek von der «Welt» gegenüber «20Zwoelf.de». Die Website thematisiert Zensur der Presse durch Promis.

Sie dokumentiert, dass ein Schauspielstar wie Götz George im Gespräch zwar «freimütig» Auskunft gibt, aber nichts darüber lesen will. Oder dass selbst Spassvogel Helge Schneider jeglichen Humor verliert, wenn ihm das Interview nicht lustig genug ist. Redaktor Tim Gutke musste immer neue Versionen schicken, bis Schneider einlenkte. «Da waren vielleicht noch 15 Prozent des geführten Gesprächs drin. Der Rest war neu, neue Fragen, neue Antworten, eine komplett andere Melodie.»

Boomerang für die Promis

Inzwischen verlangen Promis im deutschsprachigen Raum, dass man ihnen nicht nur die Zitate, sondern auch den Kontext vorlegt. Selbst auf Titel und indirekte Rede nehmen sie Einfluss. Dieses Unrecht lassen sich die Stars wie Til Schweiger schriftlich geben – selbstverständlich vor dem Interview (siehe Bildstrecke). «Texte werden oft bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt», sagt Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalistenverbandes.

Der Trend zum weichgespülten Interview könnte sich für die Stars und Sternchen aber zum Bumerang entwickeln. Es stellt sich die Frage, ob Leser nicht bald die Nase voll haben von den aalglatten Aussprüchen. Hier ist nun Ihre Meinung gefragt: Stimmen Sie in unserer Umfrage ab und diskutieren sie das Thema im Talkback.

Mitarbeit: Lukas Egli

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