Die Proteste gehen weiter: «Das Militär wird die Macht nicht abgeben»
Aktualisiert

Die Proteste gehen weiter«Das Militär wird die Macht nicht abgeben»

Seit Montag wird in Ägypten gewählt. Der bekannte Aktivist Noor Ayman Noor will die Proteste gegen die Militärs trotzdem fortsetzen. Im Interview erklärt er, warum.

von
Kian Ramezani
Noor Ayman Noor (Mitte, mit erhobenem rechten Arm) im September während eines Streiks an der Amerikanischen Universität Kairo. (Bild: Noor Ayman Noor)

Noor Ayman Noor (Mitte, mit erhobenem rechten Arm) im September während eines Streiks an der Amerikanischen Universität Kairo. (Bild: Noor Ayman Noor)

Nach den blutigen Zusammenstössen von vergangener Woche haben in Ägypten die ersten freien Wahlen nach dem Sturz des Mubarak-Regimes begonnen. Die Jugend will ihre Proteste gegen den regierenden Militärrat dennoch fortsetzen, sagt Noor Ayman Noor, mit dem 20 Minuten Online am Dienstag sprechen konnte. Der 23-jährige Aktivist und Sohn des bekannten ägyptischen Oppositionellen Ayman Abd El Aziz Noor war gerade auf dem Weg zu einer Demonstration in Kairo. Sie galt einer jungen Frau, die im Frühjahr zu einem Jungfräulichkeitstest gezwungen worden war und deswegen vor Gericht zieht.

Haben Sie schon gewählt?

Noor Ayman Noor: Nein, ich fühlte mich gestern nicht wohl. Ich werde heute Abend im Stadtzentrum Kairos wählen.

Die Wahlbeteiligung scheint hoch. Was ist Ihr bisheriger Eindruck des Urnengangs?

Ich habe den ersten Tag auf dem Internet genau mitverfolgt. Mein allgemeiner Eindruck ist viel besser als bei früheren Wahlen vor der Revolution. Es gibt wohlgemerkt immer noch viele Verstösse. Zum Beispiel werden abseits der Wahllokale Lebensmittel an Wähler verteilt.

Der regierende Militärrat wollte keine ausländischen Wahlbeobachter. Glauben Sie an eine faire Wahl?

Die Behörden werden diese Wahlen nicht aktiv fälschen. Unregelmässigkeiten sind eher auf mangelhafte Organisation zurückzuführen. Das Problem ist nicht Wahlfälschung sondern die Irreführung von Wählern.

Wer führt die Wähler in die Irre?

Ich möchte keine spezifische Partei nennen. Das Problem betrifft das ganze politische Spektrum einschliesslich christlicher und islamistischer Gruppen.

Die Wahl dauert noch bis im Januar. Warum so lang?

Der Hauptgrund ist Ägyptens riesige Bevölkerung und die hohe Wahlbeteiligung. Für einen schnelleren Wahlprozess haben wir nicht die Infrastruktur. Die lange Dauer ermöglicht einerseits vielen Menschen, ihre Stimme abzugeben. Andererseits steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Fehler einschleichen. Es ist ein zweischneidiges Schwert.

Wer wird die Wahlen gewinnen?

Die Islamisten werden eine bedeutende Anzahl Sitze gewinnen.

Bereitet Ihnen das Sorge?

Überhaupt nicht. Alle wissen, dass sie gut organisiert sind und somit einen Vorsprung haben. Das könnte bei den nächsten Wahlen in vier Jahren bereits wieder anders aussehen. Es ist ein kurfristiger Vorteil. Langfristig ist es viel wichtiger, dass viele Ägypter wählen gehen. Dies ist vielleicht die wichtigste Errungenschaft der Revolution.

Welche Rolle wird das neue Paralment gegenüber dem Militärrat spielen?

Ich befürchte, es wird nicht mächtig genug sein, um den Militärs die Stirn zu bieten und Veränderungen herbeizuführen. Viel hängt allerdings auch davon ab, welche Kandidaten gewählt werden. Wir müssen abwarten und sehen, was passiert.

Glauben Sie, dass die Generäle die Macht wie versprochen im Juli 2012 abgegen werden?

Auf keinen Fall. Es entspricht nicht der Mentalität der Militärs, mit Zivilisten zu verhandeln. Sie fühlen sich ihnen überlegen. Genau deshalb müssen wir weiter demonstrieren und den Druck aufrecht erhalten.

Hätten Sie es bevorzugt, wenn die Militärs die Macht abgegeben hätten, bevor Wahlen stattfinden?

Wir müssen pragmatisch sein. Viele Menschen haben beschlossen, wählen zu gehen, also gehen wir auch. Doch parallel dazu müssen die Proteste weitergehen.

Ayman Abd El Aziz Noor (rechts). Der ehemalige Parlamentsabgeordnete sass unter Mubarak mehrere Jahre im Gefängnis. 2005 war er in den Präsidentschaftswahlen 2005 gegen ihn angetreten und laut unabhängigen Wahlbeobachtern auf 17 Prozent der Stimmen gekommen.

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