Obacht die Chronik kommt: Das müssen Sie über das neue Facebook wissen
Aktualisiert

Obacht die Chronik kommtDas müssen Sie über das neue Facebook wissen

Mit der Facebook-Timeline kann man durch das Leben der anderen scrollen. Wer seine digitalen Kellerleichen nicht zeigen will, sollte sich bald durch seine Posts arbeiten – durch alle!

von
Franziska Voegeli

Spätestens, wenn die Timeline für alle Facebook-User Realität wird, verwandelt sich auch Ihr Profil in einen einzigen, grossen Lebenslauf. Allerdings weniger mit beruflichen, mehr mit persönlichen Informationen. Aktive Nutzer können so bequem einen Spaziergang in die eigene Vergangenheit machen und mit alten Fotos, Posts und Likes in Erinnerungen schwelgen.

Dummerweise macht man diesen Spaziergang nicht alleine: Der Chef, die neue Freundin und der doofe Büro-Kollege, dessen Freundschaftsanfrage man aus Höflichkeit nicht ablehnen wollte, können ebenfalls nachsehen, wie, wo und mit wem Sie Ihre Vergangenheit verbrachten. Dazu muss man weder suchen noch klicken, sondern nur der Timeline nach bis zur Geburt nach unten scrollen.

Ein Blick zurück lohnt sich

Zwar lässt sich einstellen, welche Einträge für welche Kontakte sichtbar sind, doch diese Einstellungen muss man erst einmal vornehmen. Je nach dem, wie lange man schon auf dem Social Network herumgeistert, müssen also weniger oder mehrere Jahre nach mehr oder weniger peinlichen Posts durchkämmt werden.

Höchstwahrscheinlich wird es gegen unten hin unangenehmer, da das Gespür für unangemessene Inhalte erst wachsen musste, und man früher leichtsinniger oder freizügiger war. Damit die digitalen Kellerleichen nicht für alle sichtbar werden, hat Keith Wagstaff von der «Time» ein paar Tips bereit:

1. Der Korrekturstift: In der rechten oberen Ecke jedes Eintrags findet sich der Bearbeitungs-Bleistift. Damit können Posts entweder gelöscht oder von der Chronik verborgen werden. Ein unverzichtbares Feature. Denn der Status-Update, den man betrunken um vier Uhr morgens gepostet hat und nüchtern schnell wieder mit einem souveränen Spruch überschrieb, ist in der Timeline wieder da. Genauso wie der wutentbrannte, übereuphorische und alle anderen, schön chronologisch organisiert.

2. Die Bilder: Die Fotoalben sind bei der Timeline-Ansicht nicht mehr im Hintergrund abgelegt und mindestens einen Klick entfernt, sondern auf den ersten Blick deutlich sichtbar. Am Erstellungsdatum platziert, wartet ein Album mit riesigem Coverbild darauf, durchforstet zu werden. Im dümmsten Fall wird genau das Foto aufgeblasen, das in gross nicht mehr ganz so schick wirkt wie als kleiner Thumbnail. Deshalb sollte man die Titelbilder sorgfältig auswählen. Auch die Bilder, auf denen man von anderen markiert wurde, sind nun nicht mehr irgendwo, sondern gross und sichtbar auf der Profilfront platziert.

3. Maps: Unter Karten findet man die Infos über eine Person geographisch sortiert. So wird das idyllische Landschaftbild, das verschwörerisch mit «In the Middle of Nowhere» angeschrieben wurde, plötzlich zur ganz konkreten Feriendestination. Das heisst, sofern die Bilddatei auch GPS-Daten gespeichert hat. Ihre Friends können sich dann via Weltkarte durch die Fotos klicken und wissen genau, wo Sie die «Best Margaritas ever!!!» getrunken oder sich beim Winterspaziergang mit verträumtem Blick an den verschneiten Baum gelehnt haben.

Sogenannte Lebensereignisse lassen sich ebenfalls geographisch darstellen. Dazu gehört zum Beispiel die Geburt. Aber auch andere Events können als Lebensereignis deklariert werden, so zum Beispiel der Antritt einer neuen Stelle, ein Gewichtsverlust(!) oder Hochzeit und Scheidung. Aber Vorsicht: Überlegen Sie gut, ob Sie Ihre digitale Lebenslinie und Ihre persönliche Weltkarte wirklich mit all diesen Angaben anreichern wollen. Es muss ja nicht jeder wissen, wann und wo eine Trennung vollzogen wurde. Oder im umgekehrten Fall: Wo Sie eine bedeutende Person kennengelernt haben. Diese braucht übrigens nicht erst zu bestätigen, ob sie als bedeutendes Ereignis in Ihrer Timeline erschienen will. Und das gilt natürlich im umgekehrten Fall auch für Sie.

4. Apps: Erlauben Sie den Apps grosszügig Zugang auf Ihre Facebook-Informationen? Das könnte sich rächen. Denn je nach App werden dadurch auch Unmengen an Banalitäten auf der Timeline angezeigt. Was Sie zum Mittag gegessen haben, welchen Song Sie gerade zum 17. Mal hören oder wie oft Sie joggen gehen. Das könnte nämlich nicht nur unter die Kategorie Too much Information fallen, sondern bietet potentiellen Stalkern auch eine prima Möglichkeit, ihnen zufällig zu begegnen.

Die App-Zugriffe lassen sich in den Kontoeinstellungen kontrollieren. Unter dem Menüpunkt «Anwendungen» kann man einstellen, welche davon in der Timeline erscheinen sollen. Und auf die Schnelle lässt sich auch alles via «Chronik verbergen» unsichtbar machen.

5. Privatsphäre: Die Timeline bietet den Facebook-Nutzern einen fast schon zu bequemen Einblick in das Leben der anderen. Es ist zwar nicht wirklich mehr Information vorhanden als auf dem alten Facebook-Layout, sie ist einfach viel besser sichtbar. Und nur weil Sie beispielsweise Ihren Foto-Kommentar von der Chronik gelöscht haben, heisst das nicht, dass der User, der das Foto hochgeladen hat, die ungewünschten Zeilen unter seinem Bild ebenfalls entfernt hat.

Die Kehrseite dieser Zurschaustellung der Vergangenheit: Genau dasselbe. Facebook-Stalker und Gwundernasen freuen sich über den einfachen Zugriff auf die Informationen. Es wird zum Kinderspiel, etwas über eine Person herauszufinden: Über das Date, den Chef, den Schwager. Seien Sie also gewappnet, dass die Privatsphähre wieder ein Stück weniger privat geworden ist.

Facebook informiert

Bei den Faceook-Nutzern löst die rollende Verbreitung der Timeline grosse Unsicherheit aus. Das soziale Netzwerk ging deshalb am Freitag in die Offensive und verschickte «ein Pfund an Informationen» an die Medien. «Das Gerücht, dass die Chronik für alle am 1. Februar 2012 kommt, ist falsch», sagt Facebook.

Die Chronik wird in den nächsten Wochen Schritt für Schritt für alle Nutzer weltweit verfügbar sein. Wenn Nutzer die Facebook Chronik erhalten haben, sehen sie dies ganz deutlich am oberen Rand auf ihrer Facebook Startseite. Erscheint die Chronik, hat man nach der «Einführungstour» sieben Tage Zeit, um sie zunächst individuell anzupassen, bevor sie für andere sichtbar wird. Diese Zeit sollte man sich nehmen, um besondere Beiträge hervorzuheben, andere vielleicht von der Chronik zu entfernen oder individuell neu einzustellen, wer verschiedene Statusmeldungen und Fotos sehen soll.

Im Weiteren teilt Facebook mit: «Bereits gelöschte Beiträge tauchen in der Chronik nicht wieder auf. Es werden keine Informationen sichtbar, die vorher nicht sichtbar waren. Wer seine alten Beiträge nicht überprüfen möchte, kann auch ganz einfach das Publikum für alle alten Beiträge in seinen Privatsphäre-Einstellungen beschränken.» Besonders den letzten Satz sollten sich alle zu Herzen nehmen, die nicht all ihren Kontakten den Lebenslauf auf dem Serviertablett präsentieren wollen.

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