Defensives Mittelfeld: Das neapolitanische Herzstück der Nati
Aktualisiert

Defensives MittelfeldDas neapolitanische Herzstück der Nati

Gökhan Inler, Valon Behrami und Blerim Dzemaili bilden bei Napoli ein Schweizer Trio. Wie beim italienischen Vize-Meister sind in der Nati aber drei einer zu viel.

von
Eva Tedesco

Es ist das Herzstück einer jeden Fussballmannschaft: das Mittelfeld. Doch war es früher die legendäre «10» (Günther Netzer, Diego Maradona, Hakan Yakin), die den Lenker und Denker im zentralen Mittelfeld gab, spielen die Strippenzieher heute weiter hinten – auf der Sechs. Spielertypen wie Bastian Schweinsteiger von Bayern München oder Sami Khedira von Real Madrid.

Am besten lässt sich diese Tendenz an der Entwicklung von Andrea Pirlo (Juventus Turin) veranschaulichen: Eigentlich eine klassische «10», rückte der begnadete Spielmacher im Laufe der Jahre immer weiter nach hinten, heute ist er am besten, wenn er aus der Tiefe des Raumes den Rhythmus bestimmen und seine zentimetergenauen Pässe schlagen kann.

Starke Schweizer Söldner

Das Herzstück der Schweizer Nationalmannschaft spricht neapolitanisch. Gleich drei Strippenzieher von Nati-Coach Ottmar Hitzfeld stehen bei der SSC Napoli unter Vertrag. Valon Behrami hat eine erfolgreiche, Blerim Dzemaili sogar eine sehr erfolgreiche Saison hinter sich. Definitiv aber war es eine der erfolgreichsten Meisterschaften der Süditaliener seit der Zeit von Maradona und dem Scudetto 1990.

Der Anteil der Schweizer am Erfolg war bemerkenswert, auch wenn die Rückrunde für Gökhan Inler nicht optimal verlief. Der Nati-Captain verletzte sich im WM-Qualifikationsspielspiel Ende März in Zypern und verlor seinen Platz danach an Dzemaili und kam nur noch sporadisch zum Einsatz.

Hitzfeld orientiert sich nicht an der Statistik

Drei Schweizer für zwei Plätze im zentralen Mittelfeld der Süditaliener. Drei «Sechser» für zwei Plätze auch in der Nati. Muss Inler wegen fehlender Spielpraxis auch in der Nati Dzemaili weichen? Hitzfeld gewähre seinem Captain keine Privilegien, betonte der Lörracher am Dienstag beim Zusammenzug in Mont-Pèlerin oberhalb von Vevey. Aber lässt Hitzfeld seinen Captain tatsächlich über die Klinge springen? Wohl kaum.

Hitzfeld weiss, was er an seinem Captain hat und dass er sich auf ihn verlassen kann. In der Vergangenheit hat Hitzfeld des Öfteren gezeigt, dass er sich nicht nur an statistischen Werten wie Einsatzminuten oder Anzahl Spiele für einen Auftritt in der Nationalmannschaft orientiert. Meist hielt er an seinen Ideen und seinen Spielern fest, zugunsten der Automatismen.

Das Bauchgefühl bestimmt mit

«Das ist eben das Los einer kleinen Nation. Es gilt für mich, auch andere weniger eindeutig zu beziffernde Werte und Aspekte zu berücksichtigen», schreibt Hitzfeld in seiner Kolumne im Magazin des Schweizerischen Fussballverbandes «rotweiss». Der Lörracher nennt Automatismen, Laufwege und Passfolgen. «Und dann kommt auch noch das Bauchgefühl ins Spiel, das mit Einfluss hat auf die Wahl, auf wen man setzen kann in der Stunde X.»

Auf das Trio, das sich Neapel immerhin rund 40 Millionen Franken kosten liess, setzt der Deutsche indes selten: Im September 2012 standen Inler/Behrami/Dzemaili beim 2:0-Sieg in Slowenien für 10 Minuten gemeinsam auf dem Platz. Gemeinsam in der Startelf standen die Mittelfeldakteure zuletzt am 26. März 2011 in Sofia beim torlosen Remis der Nati in der EM-Qualifikation gegen Bulgarien.

Dzemaili vor dem Duo Inler/Behrami?

Dennoch: Auch gegen Zypern am Samstag in der WM-Qualifikation ist ein neapolitanisches Herzstück in der Nati durchaus denkbar. Dzemaili sagt von sich selber, dass er durchaus Sechser und Achter spielen könne. Er könnte in einem 4-2-3-1-System, das die beiden Champions-League-Finalisten Dortmund und Bayern neben diversen anderen europäischen Teams in der Königsklasse praktizierten und von dem Hitzfeld als Sky-Experte sehr angetan war, den Platz vor der Doppelsechs Inler/Behrami einnehmen.

Flankiert von Valentin Stocker auf dem linken Flügel und Xherdan Shaqiri auf dem rechten und mit Mario Gavranovic oder Haris Seferovic – beide zeigten sich in der Rückrunde in einer guten Form – im Sturm. Das würde wohl bedeuten, das Granit Xhaka, Hitzfelds bevorzugter Passgeber hinter der Spitze, vorerst auf der Bank Platz nehmen müsste, obwohl er bei Gladbach gegen Ende der Meisterschaft wieder zu Einsatzminuten und Spielpraxis gekommen war. Den Versuch, Innocent Emeghara wie beim 0:0 im März in Zypern auf dieser Position laufen zu lassen, korrigierte Hitzfeld in Nikosia bereits nach 45 Minuten und ersetzte den Siena-Offensivmann durch Xhaka.

Konkurrenzkampf gewohnt

Wie sich Hitzfeld auch immer entscheiden wird: Drei für zwei – mit diesem Druck und dem Konkurrenzkampf wissen Inler, Behrami und Dzemaili aus dem Klub umzugehen. Und wer nach einem halben Jahr mehr oder weniger auf der Bank in der Rückrunde so stark zurückkommt wie Dzemaili und sich bei einem Spitzenklub in der Serie A etabliert, der kann auch mit dem Druck in der Nati umgehen. Für die Schweizer Auswahl kann der Konkurrenzkampf und die taktische Flexibilität nur zum Vorteil gereichen.

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