Militärhistoriker: «Das Nein zum Gripen ist ein politisches Novum»
Aktualisiert

Militärhistoriker«Das Nein zum Gripen ist ein politisches Novum»

Noch nie hat das Schweizer Stimmvolk ein so grosses Rüstungsgeschäft der Armee abgelehnt, sagt Militärhistoriker Michael Olsansky.

von
Nicole Glaus
Michael Olsansky ist Dozent für Militärgeschichte an der  Militärakademie der ETH Zürich

Michael Olsansky ist Dozent für Militärgeschichte an der Militärakademie der ETH Zürich

Die Schweizer haben die Beschaffung des Gripen abgelehnt. Seit knapp 30 Jahren ist dies erstmals wieder eine schmerzhafte Abstimmungsniederlage für die Schweizer Armee.

Wo ist das Gripen-Nein in der Geschichte des Schweizer Militärs einzuordnen?

Michael Olsansky: Es ist das erste Mal, dass das Volk ein so grosses Rüstungsgeschäft versenkt hat. In der Geschichte hatte es zwar schon mehrere brisante Armee-Abstimmungen gegeben, diese Niederlage ist jedoch ein politisches Novum.

Auch CVP-Bundesrat Arnold Koller verbuchte bereits vor 27 Jahren mit der Rothenturm-Initiative eine grosse Niederlage. Die Armee musste danach auf den geplanten Bau des Waffenplatzes im Schwyzer Moorgebiet verzichten. Worin unterscheidet sich das Nein zum Gripen?

Damals ging es vor allem auch um Naturschutz. Das Nein zum Gripen ist von grösserer militärpolitischer Bedeutung: Kampfflugzeuge haben in der Schweiz einen grossen Symbolcharakter. Das ist schon bei der F/A-18 Initiative 1993 so gewesen. Damals wollte die GsoA die Beschaffung von 34 dieser Kampfflugzeuge verhindern. Das Volk lehnte die Initiative ab. Die Kampfjet-Befürworter warben damals erfolgreich mit dem Slogan «Gegen eine Armeebeschaffung auf Raten» für ihr Anliegen. Die damalige Schlussfolgerung des Vokes war: «Ohne F/A-18 keine Luftwaffe, ohne Luftwaffe keine richtige Armee.»

Was hatte die damalige Initiative für Folgen in der schweizerischen Armeedebatte?

Das Pendel schlug damals auf die Seite der Armee-Befürworter um. In den Jahren danach kam die Armee bei Volksabstimmungen stets gut weg. Dies zeigte insbesondere die zweite Armeeabschaffungs-Initiative von 2001. Nur noch 21,9 % der Abstimmenden sprachen sich für eine Abschaffung der Armee aus.

Das heisst, dass nun das Pendel auf die Seite der Armee-Gegner umschlägt?

Das gibt den armeekritischen Kräften sicher Aufwind. Vor allem wenn es um die Frage der Anschaffung künftiger Kampfjets geht. Die gemäss der Luftwaffe in einigen Jahren überbeanspruchte F/A-18-Flotte muss wohl frühzeitig ab 2025 ersetzt werden Nun dauert eine Kampfjetbeschaffung von der Initiierung bis zum Abschluss aber ca. 10 Jahre. Man müsste sozusagen morgen den Ersatz der F/A-18-Flotte einleiten. Es wird interessant zu beobachten sein, wie sich hier das Gripen-ablehnende aber armeebefürwortende Politspektrum verhalten wird.

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