Aktualisiert 09.12.2010 12:03

AushängeschildDas neue Gesicht von Wikileaks

Kristinn Hrafnsson gilt nach der Verhaftung von Julian Assange als neuer Kopf von Wikileaks. Insider allerdings fürchten den Zerfall der Organisation.

von
Peter Blunschi

Kristinn Hrafnsson äussert sich zur Publikation der US-Dokumente. (Video: YouTube)

Äusserlich könnte er glatt der ältere Bruder von Julian Assange sein. Und sein Name hat schon mehrfach für Verwirrung gesorgt. In verschiedenen Medien wurde Kristinn Hrafnsson als «Sprecherin» von Wikileaks bezeichnet. Dabei sollte die typisch isländische Nachsilbe «-son» eigentlich für klare Verhältnisse sorgen. In Zukunft dürfte es kaum noch zu solchen Missverständnissen kommen, denn Hrafnsson gilt als neues Aushängeschild von Wikileaks.

Ob er die Organisation nach der Verhaftung von Assange auch formal anführen wird, ist laut «Forbes» unklar. Seit er im April begonnen hat, für die Enthüllungsplattform zu arbeiten, ist der Isländer jedoch in gleichem Masse ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, wie Assange daraus verschwunden ist. Im Gegensatz zum Australier ist er ein «echter» Journalist mit rund 20 Jahren Berufserfahrung. Zuletzt arbeitete er für den nationalen Fernsehsender RUV.

Fortschrittliches Mediengesetz

Mit Wikileaks in Kontakt kam Hrafnsson erstmals im August 2009, als die Website brisante Dokumente der inzwischen konkursiten Kaupthing Bank veröffentlicht hatte. Deren Geschäftsgebaren hatte massgeblich zum Absturz des einstigen Wirtschaftswunderlands geführt. Die Enthüllungen von Wikileaks seien «enorm wichtig gewesen», sagte Hrafnsson im November dem «Forbes»-Blogger Andy Greenberg. Sie hätten ihm die Wichtigkeit einer solchen Einrichtung vor Augen geführt, «als anonymer Kanal zur Öffentlichkeit».

In der Folge wurde Kristinn Hrafnsson zu einer treibenden Kraft bei der Islandic Modern Media Initiative (IMMI), die zur Verabschiedung des fortschrittlichsten Mediengesetzes der Welt mit umfassendem Quellenschutz führte. Nachdem Wikileaks im April das «Collateral Murder»-Video eines US-Helikopterangriffs in Bagdad veröffentlicht hatte, reiste der isländische Journalist in die irakische Hauptstadt, um die beiden Kinder zu interviewen, die den Angriff überlebt hatten, bei dem unter anderem zwei Reuters-Journalisten starben.

Drei Monate später wurde Hrafnsson vom Sender RUV entlassen, laut «Forbes» offenbar nach einem Streit mit seinem Vorgesetzten. Nun könnte er die Strukturen von Wikileaks zumindest teilweise nach Island verlegen, denn im November gründete Hrafnsson eine Firma in der Wohnung eines Wikileaks-Mitarbeiters. Der Isländer, der im Gegensatz zum egomanischen Assange als eher zurückhaltend gilt, betonte bereits im November, man wolle in Zukunft «mehr Gewicht auf die Organisation als auf den Gründer legen».

Wikileaks im Chaos

Nach der Verhaftung von Assange bekräftigte Kristinn Hrafnsson via Twitter, seinem bevorzugten Kommunikationskanal, die Organisation lasse sich «nicht mundtot machen». Tatsächlich wurden bereits am Mittwoch neue US-Dokumente veröffentlicht. Doch es gibt auch interne Zweifler. Julian Assange habe die Organisation «in einem Zustand der Ungewissheit» zurückgelassen, zitierte «Wired» einen «entmutigten» Wikileaks-Aktivisten.

Grund dafür sei der autokratische, selbstherrliche Führungsstil des Australiers. So seien die Wikileaks-Mitarbeiter auf mittlerer Eben praktisch von der Kommunikation mit hunderten Freiwilligen abgeschnitten, weil Assange deren Kontaktdaten in seinem privaten Online-Messaging-Konto gehortet und mit niemandem geteilt habe. «Wir erleben derzeit ein Chaos», sagte der «Wired»-Informant, Assanges Abwesenheit sei «akut spürbar». Seine Prognose ist düster: «Die Organisation beginnt nun vermutlich zu zerfallen.»

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