Radikalisierung: Das passiert mit Schülern, die IS-Videos posten
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RadikalisierungDas passiert mit Schülern, die IS-Videos posten

Einer der Therwiler Schüler teilte IS-Propaganda auf Facebook. Laut dem Lehrerverband ist die Überwachung von Schülern Aufgabe des Nachrichtendienstes.

von
daw

Der Schüler N.S.* verweigert seiner Lehrerin nicht nur den Händedruck, sondern verbreitete auf Facebook auch Propaganda-Botschaften für die Terrormiliz IS. In einem der Videos ist eine IS-Fahne zu sehen, während der Märtyrertod im Jihad besungen wird. Dazu schrieb der Schüler: «Jeder Muslim soll liken.» Ein anderes Video verherrlicht die Kassam-Brigaden, den militärischen Arm der Hamas.

Keine Kenntnis vom Facebook-Profil hatte die Sekundarschule Therwil. «Wir haben die Frage der Radikalisierung im Kollegium diskutiert. Im Alltag gab es abgesehen vom Händeschütteln keine Auffälligkeiten», sagt Rektor Jürg Lauener. Man überwache die Social-Media-Aktivitäten der Schüler nicht. Auch wenn Jihad-Reisende etwa aus Winterthur schweizweit für Schlagzeilen sorgten, gibt es an der Schule keine Leitlinien, was eine Lehrperson in einem solchen Fall tun muss. Ob dem Schüler ein Verweis droht, ist offen. Laut Lauener wird sich das Kollegium beraten und danach über das weitere Vorgehen entscheiden.

«Schulen sind nicht vorbereitet»

«Die Schulen sind überfordert und schlecht vorbereitet», kritisiert die Politologin Elham Manea. Sie startet nun ein Projekt für einen Leitfaden für Schulen. Er soll Lehrern helfen, Radikalisierungstendenzen früh zu erkennen und Schüler von der Ideologie wegzuführen. «Man darf dabei aber nicht dem Irrtum verfallen, die Radikalisierung geschehe allein im Internet. Es braucht immer auch ein entsprechendes Umfeld.» Deshalb müsse auch die Rolle der König-Faysal-Moschee in Basel, in welcher der Vater des Buben predigt, kritisch angeschaut werden.

Samuel Althof von der Fachstelle Extremismus- und Gewaltprävention berät Schulen im Umgang mit radikalisierten Jugendlichen. Auch er sagt: «Das Facebook-Profil gibt Anlass zur Sorge.» Man könne aber davon ausgehen, dass der Nachrichtendienst solche Profile auf dem Radar habe.

Althof sieht die Schule in der Pflicht, mit der Familie zusammenzusitzen und über die Facebook-Posts zu sprechen. «Es muss vertieft abgeklärt werden, ob sich der Schüler mit dem Gedankengut identifiziert, wie sein Umfeld aussieht oder ob es einen Hang zu Gewalt gibt.» Dem Schüler müsse auch klar gemacht werden, dass er sich mit der Verbreitung von IS-Propaganda strafbar mache.

Meldung an den Nachrichtendienst

Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbandes, erinnert daran, dass die Überwachung von Schülern Aufgabe des Nachrichtendienstes sei. «Wenn Lehrpersonen den Verdacht einer Radikalisierung haben, empfehlen wir eine Gefährdungsmeldung an die Schulleitung oder die Kinderschutzbehörden Kesb.»

Die Schule selbst müsse die hiesigen Werte vermitteln oder den Islamismus explizit thematisieren, indem etwa gemässigte Muslime eingeladen würden. Letztlich gebe es aber kein Patentrezept: «Wenn sich die Schüler in einem konservativen Umfeld bewegen, besteht die Gefahr, dass die Botschaft verpufft.» Doch auch Sanktionen wie ein Schulausschluss seien kein Allheilmittel. «Damit besteht die Gefahr, dass sich Schüler erst recht radikalisieren.»

Vater und Prediger Ibrahim S. war für eine Stellungnahme zum Facebook-Profil seines Sohnes nicht zu erreichen. Nabil Arab, Vorsteher der König-Faysal-Moschee in Basel, nimmt seinen Imam aber in Schutz: «Die Ideologie kommt sicher nicht von ihm, sondern aus dem Internet.» Ibrahim S. arbeite unentwegt und habe gar keine Zeit, sich damit zu beschäftigen, was seine Söhne im Internet machen.

* Name der Redaktion bekannt

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