Selbstversuch – das Fazit: Das Problem ist, dass alle anderen ein Handy haben
Aktualisiert

Selbstversuch – das FazitDas Problem ist, dass alle anderen ein Handy haben

... und nicht, dass ich keines habe. So lautet die – zugegeben wenig selbstkritische – Bilanz von meinem Experiment «Handyentzug».

von
J. Büchi
Jacqueline Büchis Bilanz zum Handy-Verzicht: man lebt erstaunlich gut ohne.

Jacqueline Büchis Bilanz zum Handy-Verzicht: man lebt erstaunlich gut ohne.

Acht Minuten! Acht Minuten lang fluten die Push-Nachrichten, die sich während des zweiwöchigen Experiments «Handyentzug» in meinem Smartphone angestaut haben, den Bildschirm. Während sich die Zahl der SMS und Whatsapp-Nachrichten in Grenzen hält, da fast mein gesamtes Umfeld vom Selbstversuch unterrichtet war, kommen die Eilmeldungen unerbittlich weiter rein. Hunderte von News, von denen ich später erfuhr als alle anderen um mich herum.

Rückblickend muss ich sagen: Ich lebte erstaunlich gut damit. Es war ausgesprochen angenehm, das Handy nicht ständig checken oder in der ganzen Wohnung danach suchen zu müssen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte ich auch bald in jeder Lebenslage das richtige Ersatzgerät griffbereit. Trotzdem bin ich erleichtert, mein Telefon wieder zu haben. Kennen Sie das Gefühl, nach den Ferien nach Hause zu kommen und einfach froh zu sein, wieder Wasser direkt vom Hahn trinken zu können? Irgendwie so fühlt sich das an. Es geht auch ohne, aber es ist irgendwie mühsam.

Der Vergleich ist dekadent, ja. Es ist falsch, ein technisches Gadget mit einem lebenswichtigen Element gleichzusetzen. Da dieser Gedanke aber der erste war, der mir nach Ende des Selbstversuchs durch den Kopf schoss, entschied ich mich, ihn trotzdem mit Ihnen zu teilen. Denn irgendwie zeigt er, wie absurd unser Verhältnis zum Smartphone geworden ist. Eine Umfrage kam unlängst zum Schluss, dass jeder Zweite bei einem Brand das Mobiltelefon vor der Katze retten würde. Zu meiner Verteidigung: So schlimm stand es zu keinem Zeitpunkt um mich – weder vor noch nach dem Experiment.

Allerdings hätte ich mir vom Selbstversuch mehr erhofft. Mehr Ruhe, mehr Entspannung. Dass ich milde lächelnd die Schönheit des Augenblicks geniesse, während andere im Strudel von Push-Nachrichten, Nachrichten und Stress gefangen sind. Doch da sich das Rad der Zeit nun einmal nicht zurückdrehen lässt, ist das Offline-Leben im Gegenteil ziemlich nervenaufreibend. Und dass es «früher auch ohne Smartphone ging», ein schwacher Trost.

Denn das Problem, wenn du kein Handy hast, ist nicht, dass du kein Handy hast. Es ist, dass alle anderen eines haben. «Nein, wir können nicht spontan schauen, wann wir uns am Abend treffen», wollte ich schreien, als die Floskel zum x-ten Mal fiel, obwohl das jeweilige Gegenüber wusste, dass ich gerade nicht mobil war. Die Gewohnheit war einfach stärker: Mehrere Tage im Voraus einen festen Termin und Treffpunkt vereinbaren? Fehlanzeige. Dasselbe bei der Arbeit. «Was macht ihr eigentlich zu Thema XY?», tönte es mir am Morgen entgegen, sobald ich einen Fuss in die Redaktion setzte. «Entschuldigung, ICH HABE KEIN HANDY UND DESHALB KEINE AHNUNG, WOVON DU SPRICHST.»

Trotz latenter Aggressionen – die letzten Wochen hatten durchaus auch positive Auswirkungen auf mein Sozialleben. Es ist fast schon ergreifend, wie sich Kollegen freuen, wenn man ihnen zum Geburtstag nicht einfach in der Eile ein SMS schickt, sondern sie persönlich in einer ruhigen Minute anruft. Wobei ja heute schon ein Glückwunsch per SMS eigentlich beinahe schon ein Luxus ist – flüchtige Bekanntschaften müssen sich in Zeiten von Facebook oft mit einem «Happy Bday» auf der Pinnwand begnügen. Mindestens diesen Vorsatz will ich aus dem Selbstversuch mitnehmen. Unpersönliche Glückwünsche in den sozialen Medien, auch wenn sie mehr als zwei Wörter umfassen, gehören definitiv der Vergangenheit an. Und auch sonst schadet es wohl nichts, Dinge öfter mal wieder unter vier Augen zu besprechen, anstatt zwischen Büro und Zug hastig ein paar Zeilen zu tippen. All der hilfreichen Emojis zum Trotz.

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