Jugendgewalt: «Das Problem liegt im Hirn»
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Jugendgewalt«Das Problem liegt im Hirn»

Warum haben Jugendliche in der Londoner U-Bahn einen 15-Jährigen kaltblütig erstochen? Die Suche nach den Gründen für die Gewalt hält an. Doch in einem Punkt scheinen sich die Experten einig.

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Sofyen Belamouadden wurde am Donnerstag erstochen. (Bild: AP Photo/Metropolitan Police)

Sofyen Belamouadden wurde am Donnerstag erstochen. (Bild: AP Photo/Metropolitan Police)

Ein Mädchen und drei junge Männer sind am Montagabend für Befragungen in Gewahrsam genommen worden. Zusammen mit den zwölf Angeklagten, die bereits am Montag des Mordes beschuldigt wurden, sollen sie am vergangenen Donnerstag den 15-jährigen Sofyen Belamouadden – vor den Augen Dutzender Pendler – erstochen haben.

Das Opfer starb kurz nach der Attacke im Spital. Freunde und Familie beschreiben den 15-Jährigen als einen «normalen Jungen» und guten Schüler, ein Fussballtalent, das vom Klub Chelsea beobachtet wurde. Die aus Marokko stammende Familie erzog den jungen Briten als gläubigen Muslim. Dass er Mitglied einer Jugendbande gewesen sei, verneint seine Mutter Naima Ghailan im Interview mit der Tageszeitung «The Times» vehement. Sofyen habe Träume gehabt, bestätigt sein ein Jahr älterer Bruder Mohammed: «Er wollte nur Fussball spielen und nach der Schule Pilot werden. Er war nicht gewalttätig.»

An jenem Tag habe sich ihr Sohn unwohl gefühlt, sagt die Mutter. Er habe gebeten zu Hause zu bleiben. Doch Mutter Naima schickte ihn trotzdem in die Schule. Sofyen durfte früher nach Hause kommen, sollte es ihm nicht besser gehen. Das hatten sie so vereinbart, erzählt die trauernde Mutter weiter. Um 4 Uhr nachmittags habe sie ein letztes Mal mit ihrem Sohn telefoniert. Anderthalb Stunden später war er tot.

Der Ursprung des Problems

Die Aufnahmen der Überwachungskameras in den Londoner Bus- und Metrostationen lassen die Ermittler davon ausgehen, dass die Hetzjagd auf Sofyen auf dem Weg zum Bahnhof Victoria Station begonnen hatte. Auf dem Perron stachen sie dann zu. Wahrscheinlich sei ein Streit um ein Mädchen der Grund für die Attacke gewesen. Die jungen Täter – alle zwischen 16 und 17 Jahre alt - trugen teilweise Schuluniformen.

Der Fall schockiert die britische Gesellschaft, die nun händeringend nach einem Grund für die brutale und sinnlose Gewalt sucht. Der «Daily Telegraph» glaubt einen Grund dafür gefunden zu haben: Es seien verwahrloste Kinder, die ihre Wut nicht im Griff haben und die nicht zwischen Gut und Böse differenzieren könnten. Man solle lieber in die Eltern investieren, meint der Autor. Denn 92 Prozent der straffälligen Jugendlichen werden, glaubt man den Statistiken, nach einer Bestrafung eh rückfällig.

Das Centre for Social Justice sei darum zu einer radikalen Erkenntnis gekommen: Man müsse den Eltern beibringen, ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr «richtig zu pflegen, zu ernähren und mit ihnen zu spielen». Damit, so Dr. Samantha Cullen, könne «das Problem in den Hirnen» der vernachlässigten Kinder auf Dauer angegangen werden. (kle/dapd)

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