Schiffs-Havarie: Das Protokoll der Katastrophe
Aktualisiert

Schiffs-HavarieDas Protokoll der Katastrophe

Beschwichtigen, bis es nicht mehr geht: Die Chronologie der «Costa Concordia»-Havarie belegt die Nachlässigkeit des Kapitäns Schettino. Wo Minuten zählten, liess er Stunden verstreichen.

Am letzten Freitagabend um 21:42 Uhr prallte das Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia» in unmittelbarer Nähe der Insel Giglio auf felsigen Grund. Nun hat die Hafenbehörde von Livorno das Protokoll der dramatischen Stunden danach veröffentlicht.

22:06 Uhr: Der erste Alarm. Die Polizei von Prato kontaktiert die Hafenbehörde von Livorno, weil sie von der besorgten Mutter einer Costa-Concordia-Passagierin einen Anruf erhalten hat. Diese berichtete, dass während des Abendessens eine Decke in der Nähe des Restaurant heruntergefallen sei und man den Befehl erhalten habe, Rettungswesten anzuziehen. Der erste Alarm kommt also nicht von der Schiffsbesatzung, sondern von einer Passagierin.

22:14 Uhr: «Nur ein Stromausfall.» Die Hafenbehörde ruft die «Costa Concordia» an und will Auskünfte. Es antwortet ein Offizier. Er spricht von einem Stromausfall, der seit 20 Minuten anhalte, aber bald gelöst sei. Er verneint, dass sich eine Decke gelöst habe und es den Befehl gebe, Rettungswesten anzuziehen.

22:16 Uhr: Das entscheidende Patrouillenboot. Das Schnellboot G104 der «Guardia di Finanza» bietet an, zur «Costa Concordia» zu fahren. Die Hafenbehörde bejaht die Anfrage. Bei der Koordination der Rettungsmassnahmen wird die G104 eine entscheidende Rolle spielen.

22:17 Uhr: Zweifel der Hafenbehörde. Die Hafenbehörde glaubt den Beteuerungen der Crew, dass es sich nur um einen Stromausfall handle, nicht mehr. «Das Schiff könnte sehr wohl andere Probleme haben», heisst es an Festland.

22:26 Uhr: Das erste Eingeständnis. Die Hafenbehörde insistiert und ruft die «Costa Concordia» nochmals an. Es antwortet Francesco Schettino, der Kapitän. Endlich gibt er zu, dass es auf der linken Seite des Schiffes ein Leck gebe. Es gebe allerdings keine Verletzten und die «Costa Concordia» benötige nur ein Schleppschiff, das es aus der misslichen Lage befreit. Die Hafenbehörde traut dem Kapitän nun allerdings nicht mehr vollständig. Sie ordnet trotz seiner Beteuerungen alle Schiffe in der Nähe an, sofort den Unglücksort anzupeilen.

22:44 Uhr: «Das Schiff ist gestrandet.» Das Patrouillenboot G104 hat sich einen ersten Überblick über die Lage verschafft und intensiviert das Alarmsignal: Die «Costa Concordia» sei gestrandet. Die Massnahmen zur Rettung der Passagiere laufen nun mit Hochdruck, laufend treffen im Kommandoposten an Land neue Informationen ein. Von Personen, die sich im Meer befinden, ist noch nicht die Rede.

22:45 Uhr: «Das stimmt nicht, wir fahren.» Die Hafenbehörde kontaktiert erneut Kapitän Schettino. Dieser beteuert: «Das Schiff schwimmt, wir fahren.» Er will sich in Ufernähe begeben und den Anker werfen.

22:48 Uhr: Der Notfallplan beginnt. Die Hafenbehörde fragt die Schiffsbesatzung, ob sie das Schiff evakuieren wolle. Man sei am evaluieren, heisst es von der «Costa Concordia». Nach diesen beunruhigenden Worten löst die Hafenbehörde den Notfallplan aus: Helikopter werden zum Unglücksort beordert und die Aufnahme von Schiffsbrüchigen vorbereitet.

22:58 Uhr: «Verlasst das Schiff!» Kapitän Schettino beteuert gegenüber der Hafenbehörde, dass er die Evakuation des Schiffs mittels Rettungsbooten angeordnet habe.

23:23 Uhr: «Das Schiff neigt sich.» Die «Costa Concordia» meldet, dass das Schiff stark Schlagseite habe. Die Besatzung fragt, ob ein anderes Schiff die «Concordia» wieder aufrichten könne. Keines der hinzugeeilten Boote ist allerdings dazu in der Lage. In der Kommandozentrale an Land treffen derweil die Meldungen von Dutzenden Schiffen ein, die sich zum Unglücksort begeben.

23:37 Uhr: «Noch 300 an Bord.» Kapitän Schettino erklärt der Hafenbehörde, dass noch 300 Personen gerettet werden müssten. Diese Zahl wird auch vom Patrouillenboot der «Guardia di Finanza» bestätigt.

00:05 Uhr: Tausende Schiffbrüchige. Die Hafenbehörde versucht, die Führungscrew der «Costa Concordia» zu erreichen. Niemand antwortet. In der folgenden halben Stunde erfährt die Kommandozentrale an Land von schwimmenden Personen im Wasser und Rettungsbooten, die Probleme haben.

00:34 Uhr: Der Kapitän im Rettungsboot. Kommandant Francesco Schettino gibt zu, dass er sich in einem Rettungsboot befindet. Er sehe drei Personen im Wasser.

00:36 Uhr: Alte und Kinder an Bord. Das Patrouillenboot G104 fordert mit grosser Dringlichkeit Helikopter an, um «70 bis 80 Personen», darunter ältere Leute und Kinder, zu evakuieren.

00:42 Uhr: «Gehen Sie an Bord!» Kapitän Schettino meldet, dass sich alle Offiziere mit ihm in einem Rettungsboot befänden. Maria De Falco, der Leiter der Hafenbehörde, befiehlt der Führungscrew, sich sofort wieder an Bord zu begeben. In der Zwischenzeit meldet ein Retter, der via Helikopter aufs Deck gelassen wurde, dass sich noch rund 100 Personen an Bord befänden.

01:15 Uhr: Alarm wegen Umweltverschmutzung. Der italienische Umweltminister wird kontaktiert, damit sich eine Schiffseinheit gegen die drohenden Umweltverschmutzung in Bewegung setzen kann.

01:46 Uhr: Das berühmte Telefonat. Mehr als eine Stunde nach der Anweisung von Hafenleiter De Falco ist Kapitän Schettino immer noch nicht zur «Costa Concordia» zurückgekehrt. De Falco verliert die Nerven und fordert in einem mittlerweile berühmten Telefonat den Kapitän abermals auf, an Bord zu gehen: «Steigen Sie die Strickleiter hoch und machen Sie uns ein Bild der Lage», brüllt De Falco ins Telefon. Derweil versucht die Hafenbehörde erfolglos, den Helikopter-Retter zu erreichen. Er ist der Einzige, der die Anzahl der noch zu rettenden Personen abschätzen kann. Die Entsendung von Feuerwehrleuten wird vorbereitet.

02:53 Uhr: «Schettino fährt zum Hafen.» Die Retter vom Patrouillenboot G104 steigen über die Strickleiter an Bord der «Costa Concordia» und berichten, dass sich Kapitän Schettino in einem Rettungsboot auf dem Weg zum Hafen befinde.

03:05 Uhr: Die ersten Opfer. Retter geben erste Opferzahlen – fünf Verletzte und drei Tote – durch.

03:17 Uhr: Schettino wird verhaftet. Kapitän Schettino ist mittlerweile auf der Insel Giglio angekommen. Die lokale Polizei meldet, ihn «isoliert zu haben, ohne ihn in Handschellen zu legen».

03:56 Uhr: Das Drama an Bord. Der Helikopter-Retter schlägt erneut Alarm: An Bord befänden sich noch rund 50 Personen, eine davon mit Knochenbrüchen.

04:31 Uhr: Ein Offizier soll zurück. Hafenmeister De Falco befiehlt, ein Schiffsoffizier solle sich zurück an Bord der «Costa Concordia» begeben.

04:46 Uhr: Die erste Liste. Die letzten an Deck Verbliebenen sind in Sicherheit gebracht worden. Nun müssen Suchtrupps aber nach Personen suchen, die sich noch auf dem Schiff befinden könnten. Eine erste Passagiers- und Crewliste wird erstellt, sie enthält 4754 Namen.

06:15 Uhr: Das Ausmass der Tragödie wird klar. Es wird Tag, der Notzustand ist aber noch längst nicht aufgehoben – im Gegenteil. Die Feuerwehrleute an Bord der «Costa Concordia» melden: «Die Umstände für die Vermisstensuche sind schwierig.»

(Auswahl der Sequenzen: La Repubblica; Übersetzung: fum)

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