«Pucherl»: Steyr-Puch 650 T auch heute noch ein ideales Auto für die Berge
Der Steyr-Puch 650 T wurde im österreichischen Volksmund auch liebevoll «Pucherl» genannt

Der Steyr-Puch 650 T wurde im österreichischen Volksmund auch liebevoll «Pucherl» genannt

Bruno von Rotz / www.zwischengas.com
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Steyr-Puch 650 T Das Pucherl ist auch heute noch ein ideales Auto für die Berge

In Graz entstand ab 1957 ein Lizenzbau des Fiat 500, der sich kaum mehr als die Rohkarosserie mit dem Original teilte. Bis zu 40 PS aus einem Zweizylinder-Boxermotor machten den kleinen Steyr-Puch, im Volksmund auch Pucherl genannt, zum Abarth-Konkurrenten.

von
Paul Krüger

Um Österreichs Autobedarf nach dem Krieg decken zu können, schloss Steyr-Daimler-Puch 1948 einen Kooperationsvertrag mit Fiat, der den Lizenzbau aktueller Turiner Modelle in Graz erlaubte. Da die Modellwechsel in der Steiermark stets dem italienischen Zyklus folgten, hatten die Österreicher ab 1957 auch den Topolino-Nachfolger Nuova 500 im Programm. Der war jedoch mit seinen 13,5 PS entschieden zu schwach für österreichisches Bergland, sodass Steyr-Daimler-Puch nur die Rohkarosserie samt Vorderachse vom italienischen Original übernahm. Statt des aufrechten Parallel-Twins aus Turin erhielt der Grazer Kleinwagen mit dem etwas umständlichen Namen «Steyr-Puch 500 Modell Fiat» einen luftgekühlten Zweizylinder-Boxer mit Querstromköpfen und halbkugelförmigen Brennräumen, der «satte» 16 PS leistete.

Mit Roll- oder Blechdach

Weil Passfahrten aber nicht nur mehr Kraft, sondern auch häufige Gangwechsel erfordern, erhielt der Steyr-Puch ein teilsynchronisiertes Vierganggetriebe (II. bis IV.), während der Fiat Zeit seiner Produktion ohne Synchronisierung auskommen musste. Wie das italienische Original war auch der Steyr-Puch 500 zunächst nur als Cabriolimousine mit langem Rolldach erhältlich. 1959 kamen zwei weitere Modelle ins Programm: Der 500 D mit festem Blechdach sowie die Luxus-Ausführung 500 DL, die neben zusätzlichem Chromschmuck und grösseren vorderen Blinkern auch so etwas wie Heckflossen in Form von verlängerten Rückleuchten trug. Eine Kombiversion folge 1960. Deren 660-Kubik-Motor war ab 1962 war auch in der Limousine erhältlich, die als 650 T daraufhin den 500 DL ablöste. Zwei Jahre später erschien der heisse, 27 PS starke 650 TR («Rallye»). Den Gipfel der Leistungs-Eskalation bildete 1967 der Steyr-Puch 650 TR II, der es dank schärferer Nockenwelle und Sportauspuff auf giftige 40 PS brachte.

Mit einem Steyr-Puch 650 wird auch ein Feldweg zu einer breiten, gut nutzbaren Strasse.

Mit einem Steyr-Puch 650 wird auch ein Feldweg zu einer breiten, gut nutzbaren Strasse.

Bruno von Rotz / www.zwischengas.com
Ab 1967 fehlt der markante Bürzel am Dach. Die mittigen Schlitze in der Motorhaube unterscheiden den Puch vom Fiat.

Ab 1967 fehlt der markante Bürzel am Dach. Die mittigen Schlitze in der Motorhaube unterscheiden den Puch vom Fiat.

Bruno von Rotz / www.zwischengas.com
Stämmiger Auftritt dank breiter Spur.

Stämmiger Auftritt dank breiter Spur.

Bruno von Rotz / www.zwischengas.com

Die erbsensuppengrüne Knallbüchse kann vermutlich nur noch eingeschränkt vermitteln, wie sich ein Steyr-Puch 650 T 1967 angefühlt hat. Ein enger Schalensitz statt des einfachen Originalsessels, ein winziges Sportlenkrad und ein nachgerüsteter Drehzahlmesser zeigen eindeutig die sportlichen Ambitionen des Vorbesitzers. Und das Geräusch, das der kleine Zweizylinder nahezu ungedämpft aus zwei unterarmdicken Rohren achtern rausballert, tönt nach deutlich mehr als den serienmässigen 20 PS. Mit einem Mordsgetöse legt der Steyr-Puch los. Das Getriebe soll zwar synchronisiert sein, trotzdem lassen sich die Schaltmuffen erst mit einer Portion Zwischengas halbwegs geschmeidig in Einklang bringen, wofür sich die eng stehenden Pedale hervorragend eignen. Nach dem ersten Durchbeschleunigen durch alle Gänge ist zudem klar: der kleine Zweizylinder hat mindestens 50 Prozent mehr als die serienmässigen 20 PS.

Ideal für Bergstrassen

Auch wenn die ausserorts erlaubten 80 km/h schnell erreicht sind – viel spassiger ist es, dieses Tempo auch in engen Kurven zu halten. Kurzer Radstand, breite Spur, noch breitere Reifen und eine sehr direkte Lenkung lassen den Steyr-Puch jeder Zuckung am ungewohnt flach stehenden Lenkrad sofort folgen. Je schneller man eine Biegung durcheilt, desto präziser lässt sich der Puch auf Kurs halten. Er ermuntert auf fast schon unerhörte Weise zum Schnellfahren – ohne dabei jemals etwas Verbotenes zu tun. Der Unterschied ist viel mehr der, dass man mit dem Puch auch dort noch 80 km/h fahren kann, wo alle anderen längst auf 60 reduzieren mussten. Der kleine Steyr-Puch ist auch heute noch ein ideales Auto für die Berge – wenngleich aus völlig anderen Gründen als noch 1967.

Einen ausführlichen Fahrbericht sowie viele weitere Bilder gibt es auf www.zwischengas.com zu lesen und zu sehen.

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