Das Rätsel Ron Arad

Aktualisiert

Das Rätsel Ron Arad

Nach dem erfolgreichen Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah hofft Israel, dass endlich das Schicksal des vor 18 Jahren über Libanon abgeschossenen Luftwaffen-Navigators Ron Arad geklärt wird.

Und die libanesische Miliz verspricht sich die Freilassung weiterer Gefangener. Israel befürchtet aber auch, dass der Deal mit der Hisbollah diese darin bestätigt, dass sich Entführungen lohnen. Erst am Donnerstag drohte die Führung der Organisation, weitere Israelis zu verschleppen, um Gefangene freizupressen. Die Regierung in Jerusalem will ausserdem den Eindruck vermeiden, dass man mit ihr über eine Amnestie für Häftlinge verhandeln kann, die an Terroranschlägen beteiligt waren.

Die Situation bekommt zusätzliche Brisanz, weil hinter der schiitischen Hisbollah die iranische Regierung mit im Spiel ist - in einer Zeit, in der die Islamische Republik nach neuen Möglichkeiten für eine Annäherung an den Westen sucht. Israel ist schon lange der Auffassung, dass der Schlüssel für die Lösung des Rätsels um Ron Arad in Iran liegt. Es wird vermutet, dass Arad einige Monate nach seinem Abschuss von der Hisbollah an die iranischen Revolutionswächter übergeben wurde. Auch wurde lange angenommen, dass Arad nach Iran gebracht wurde. Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah hat aber kürzlich erklärt, dass er in Libanon sei. Ob er noch lebt, sagte der Scheich aber nicht.

Nach Arads Abschuss im Jahr 1986 hat sich im Lauf der Zeit ein Mythos um das Schicksal des Offiziers gebildet. In Israel gibt es Lieder über ihn, und seine Angehörigen sind zu Personen der Zeitgeschichte geworden. «Es geht nicht einfach nur darum, einen vermissten Soldaten heimzubringen», sagte Raanan Gissin, der Sprecher von Ministerpräsident Ariel Scharon. «Arad ist ein nationales Symbol geworden und ein Symbol dafür, dass Israel voll hinter denen steht, die dem Land hinter feindlichen Linien dienen.»

Im Austausch für «solide Informationen» über Arad hat Israel nach Angaben eines hohen Regierungsbeamten die Freilassung von Samir Kantar in Aussicht gestellt. Der palästinensische Libanese ist seit 1979 wegen des Todes von drei Israels in Haft. Der unter deutscher Vermittlung vereinbarte Austausch von drei toten israelischen Soldaten und des entführten Geschäftsmanns Elhanan Tannenbaum gegen mehr als 400 Häftlinge hat sich offenbar auch deswegen um zwei Monate verzögert, weil Israel Kantar noch nicht in der ersten Runde freilassen wollte.

Ausser Kantar sind nach dem Austausch vom Donnerstag keine weiteren Libanesen mehr in israelischer Haft. Die zweite Phase der Verhandlungen gibt der Hisbollah damit die Möglichkeit, die Freilassung von weiteren Palästinensern und Arabern aus anderen Staaten zu verlangen. Damit würde Scheich Nasrallah seinen Ruf als Held der arabischen Welt weiter stärken, der in den Hisbollah-Fahnen am Donnerstag im Westjordanland deutlich sichtbar zum Ausdruck kam.

Israel lehnt es aber ab, Gefangene «mit Blut an den Händen» freizulassen. Dabei wird vor allem an Marwan Barghuti gedacht, der im Mai 2002 von israelischen Soldaten verhaftet wurde. Ihm wird die Beteiligung an mehreren Anschlägen zur Last gelegt, bei denen seit Ende 2000 26 Israelis ums Leben kamen. Der Prozess dauert noch an. Barghuti wird von vielen Palästinensern als Nachfolger von Jassir Arafat favorisiert.

Weitere Kandidaten für eine Freilassung sind in Deutschland und Grossbritannien inhaftiert. Bei den Häftlingen in Deutschland handelt es sich um zwei Libanesen und einen Iraner die wegen Mordes an dem iranisch-kurdischen Dissidenten Sadik Scharafkandi 1992 in Berlin verurteilt wurden. In britischer Haft ist der ehemalige iranische Diplomat Hade Soleimanpur. Ihm wird vorgeworfen, 1994 am Bombenanschlag auf ein jüdisches Zentrum in Buenos Aires beteiligt gewesen zu sein, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen.

Die Regierung in Teheran bemüht sich ausserdem auch um Informationen über das Schicksal von vier iranischen Diplomaten, die 1982 während der israelischen Invasion in Libanon verschwanden. In dieser Woche war bereits eine iranische Delegation unter Leitung des früheren Innenministers Ajatollah Ali Akbar Mohtaschemi zu Gesprächen in Beirut. Nach libanesischen Presseberichten wird demnächst auch der iranische Präsident Mohammad Chatami in Beirut erwartet. (dapd)

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