Bestürzung nach der Tat: Das rätselhafte Ärzte-Massaker
Aktualisiert

Bestürzung nach der TatDas rätselhafte Ärzte-Massaker

Ein tödlicher Überfall auf ein Team von acht ausländischen Ärzten und zwei einheimischen Helfern in Afghanistan hat Bestürzung ausgelöst und viele Fragen aufgeworfen.

Bei den getöteten Ärzten handelt es sich nach Angaben der in Genf ansässigen christlichen Organisation International Assistance Mission (IAM), um fünf Männer aus den USA sowie drei Frauen - eine Deutsche, eine Britin und eine US-Bürgerin.

Auch zwei afghanische Begleiter des Teams von Augenärzten wurden getötet. Die Leichen seien am Freitag in einer entlegenen Waldgegend der nordöstlichen Provinz Badachschan gefunden worden, sagte IAM-Chef Dirk Frans.

Die Gruppe war laut Frans auf dem Rückweg von einem medizinischen Einsatz in der Nachbarprovinz Nuristan gewesen, in der die radikalislamischen Taliban sehr stark sind. Die Ärzte hätten mit ihrem Fahrer den Weg durch die als relativ sicher geltende Provinz Badachschan gewählt, um eine unsichere Strasse durch Nuristan zu meiden.

Kein Begleitschutz

Das Team «hatte keine Waffen und keinen Begleitschutz, wir kommen auf Einladung der Gemeinden», sagte Frans mit Verweis auf die Regeln der Organisation. Die IAM ist seit etwa 40 Jahren in Afghanistan tätig und betreibt in Kabul, Herat, Masar-i-Scharif und Kandahar Augenkliniken.

Um die Opfer zweifelsfrei zu identifizieren, wurden ihre Leichen per Helikopter nach Kabul gebracht. An ihrer Identifizierung seien US-Botschaftsmitarbeiter und Agenten des FBI, aber auch Vertreter der deutschen und der britischen Botschaft und afghanische Behördenvertreter beteiligt, sagte eine US-Botschaftsprecherin.

US-Aussenministerin Hillary Clinton verurteilte die Tötung der acht Ärztinnen und Ärzte scharf. Es handle sich um einen «verachtenswerten Akt der Gewalt», erklärte sie am Sonntag in Washington.

Erfahrener Leiter

Laut IAM bestand die Ärztegruppe aus erfahrenen Helfern, die von einem US-Arzt angeführt wurden, der bereits seit Mitte der 70er-Jahre in Kabul gelebt hatte.

Die Opfer seien in einer Reihe aufgestellt und erschossen worden, sagte der Polizeichef von Badachschan, Aka Noor Kintos, unter Berufung auf den einzigen Überlebenden des Überfalls. Der afghanische Fahrer war nach eigener Angabe verschont worden, weil er Koranverse zitierte.

Zunächst bekannte sich laut Frans die Islamistenorganisation Hisb-e-Islami zu der Bluttat, später auch die Taliban. «Es waren christliche Missionare und wir haben sie alle getötet», sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid.

IAM-Chef Frans bestritt Mudschahids Angaben, die Gruppe habe Bibeln auf Dari, einer der afghanischen Landessprachen, bei sich gehabt. Auch der Vorwurf, sie hätten für die NATO spioniert, sei falsch.

Raubmord als weitere Hypothese

Die afghanische Polizei prüfte trotz der Bekennerbotschaften die Theorie eines Raubmords, da die Habseligkeiten der Opfer verschwunden waren. Zur Klärung soll der einzige Überlebende der Gruppe in Kabul befragt werden. Unklar war allerdings, warum sie die Fahrzeuge der Ärzte nicht mitnahmen.

IAM ist seit 1966 am Hindukusch tätig und damit eine der ältesten Hilfsorganisationen vor Ort. Es ist das erste Mal in ihrer Geschichte, dass Mitarbeiter von IAM zum Ziel von Terroristen werden. (sda)

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