Ein Mythos geht zu Ende: Das Réduit ist Geschichte

Aktualisiert

Ein Mythos geht zu EndeDas Réduit ist Geschichte

Zum letzten Mal feuern heute die Bison-Geschütze am Lukmanier-Pass. Das Réduit – lange Ausdruck schweizerischer Befindlichkeit – existiert nicht mehr.

von
Daniel Huber
Kilometerlange Gänge: Festung Fürigen am Vierwaldstättersee

Kilometerlange Gänge: Festung Fürigen am Vierwaldstättersee

Mit der Aufhebung der Festungsartillerieabteilung 13 (Fest Art Abt 13) und dem Rückbau der Bison-Geschütze und Bunker ist das Réduit Geschichte. Es war ein Jahrhundertwerk: 657 Millionen Franken, in heutiger Kaufkraft gut acht Milliarden Franken, wurden von 1941 bis 1945 in den Ausbau eines Festungsgürtels gesteckt, der sich von den Sarganser Bergen über das Gotthardmassiv bis nach St. Maurice im Wallis erstreckte.

Kilometerlange Gänge verbanden die unterirdischen Anlagen, es gab Bäckereien und Lazarette. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges besass die Schweiz rund 20 000 Befestigungsanlagen. Das Réduit, ursprünglich entstanden als Antwort des Schweizer Generalstabs auf die Blitzkrieg-Taktik der deutschen Wehrmacht und im Kalten Krieg beibehalten gegen einen neuen Feind, wurde schliesslich zum Sinnbild schweizerischer Abwehrhaltung überhaupt.

Rütli-Rapport gegen «Operation Tannenbaum»

Im Frühsommer 1940 besiegte die Wehrmacht im Westfeldzug die alliierten Truppen; Frankreich brach völlig überraschend zusammen. Damit stand die schweizerische Defensivplanung, die auf der nach Nordosten ausgerichteten Limmatstellung – einer Art verlängerter Maginotlinie – beruhte, vor grossen Problemen. Mitte Juni, kurz bevor in Deutschland erste Planspiele zur Einnahme der Schweiz in der «Operation Tannenbaum» anliefen, schlug der Generalstab dem Oberbefehlshaber General Guisan vor, die Feldarmee ganz oder teilweise in ein Alpenréduit zurückzunehmen. Immerhin gab es im Bereich des Gotthards bereits eine Alpenfestung, die Ende des 19. Jahrhunderts angelegt und bis 1920 erweitert worden war. Überdies war der Festungsausbau aufgrund der verschärften Bedrohungslage schon seit Mitte der Dreissigerjahre wieder aufgenommen worden.

Nach dem Kriegseintritt Italiens am 10. Juni 1940 war die Schweiz von den Achsenmächten umzingelt. Am 25. Juli berief General Guisan 500 höhere Offiziere zum Rapport auf das Rütli, wo sie auf die neue Strategie des Rückzugs ins Réduit eingeschworen wurden: Sollten die Achsenmächte angreifen, würde die Schweizer Armee sich auf die Verteidigung der Hochalpen, vor allem des Gotthardmassivs, konzentrieren. Auf diese Weise sollte dem Feind die Nutzung der strategisch wichtigen Alpentransversalen verwehrt und ein souveräner schweizerischer Rumpfstaat möglichst bis zum Kriegsende bewahrt werden.

Panzergräben und Überflutungen

Allerdings war man erst im Mai 1941 so weit, dass die Hauptstellung der Feldarmee im Réduit lag. Die Aufgabe der vorgeschobenen Stellung im Mittelland – hier sollte künftig nur noch ein Verzögerungskampf geführt werden – und die Konzentration der Truppen auf das Réduit war wohl unter dem Eindruck des deutschen Balkanfeldzugs im April erfolgt. Der schnelle Vorstoss der deutschen Panzertruppen in Jugoslawien hatte gezeigt, dass hügeliges Gelände nur geringen Verteidigungsnutzen hatte.

So waren nun die Festungswerke Sargans, St. Maurice und im Zentrum der Sankt Gotthard die wichtigsten Eckpfeiler der schweizerischen Defensive. Wo natürliche Hindernisse zum Schutz der Réduitlinie fehlten, wurden Strassensperren, Panzergräben und zahllose andere Befestigungen angelegt. Für den Kriegsfall waren zudem Sprengungen von Brücken und Tunnels sowie künstliche Überflutungen vorgesehen. Der Réduitraum umfasste insgesamt mehr als ein Viertel des schweizerischen Territoriums; die urbanen und wirtschaftlichen Zentren im Mittelland wären indes im Kriegsfall nahezu kampflos dem Feind überlassen worden – eine Strategie, die nicht unumstritten war.

Die Schweiz als Igel

Doch es blieb bei der Planung; der Ernstfall blieb zum Glück aus. Das Festungswerk im Zentrum der Schweiz aber überdauerte den Frieden bis in die Neunzigerjahre: Erst der Untergang der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges war der endgültige Todesstoss für den Réduitgedanken. Und auch ideologisch wurde nun kräftig abgerüstet: Das Réduit als steingewordener Ausdruck der Geistigen Landesverteidigung hatte sich längst in einen Mythos verwandelt, der sich der Kritik entzog; das Bild des stachelbewehrten Igels galt als Inbegriff der wehrhaften Schweiz. Das ganze Land, nicht nur der Alpenraum, war mittlerweile vom Réduitgedanken durchdrungen; als stellten all die Zivilschutzbunker, die flächendeckend das ganze Land überzogen, gewissermassen lauter kleine Réduits dar. Aussenpolitisch entsprach dem Rückzug in den Bunker die gewollte Abstinenz von supranationalen Organisationen wie UNO oder EU.

Jetzt aber wurden jene kritischen Stimmen immer lauter, die es nicht der Armee und dem Réduit als Verdienst anrechneten, dass die Schweiz im Krieg verschont geblieben war. Heute ist man sich viel stärker bewusst, dass eine unversehrte Schweiz für die Achsenmächte, insbesondere Nazi-Deutschland, viel wertvoller war als ein besetztes, aber zerstörtes Land.

Die ideologischen Grabenkämpfe um das Réduit sind heute weitgehend Vergangenheit; die Bunker und Festungsanlagen sind geschleift, in Privatbesitz übergegangen oder zu Museen umfunktioniert worden.

Letzte Standartenabgabe

Die im Rahmen der Armeereform XXI gebildete Festungsartillerieabteilung 13 (Fest Art Abt 13) gibt am 22. Juni 2011 beim Telldenkmal in Altdorf UR ihre Standarte endgültig ab. Bundesrat Ueli Maurer hatte die Stilllegung der Bison-Kanonen und Festungsminenwerfer Ende Mai angekündigt. Die Waffen wären heute kaum mehr von Nutzen zur Abwehr eines militärischen Angriffs, zudem fehlt es der Armee an der Munition.

Die Ausmusterung der Geschütze und Bunker kostet 53 Millionen Franken. Jährlich lassen sich mit dem Verzicht 30 Millionen Franken einsparen. Moderne permanente Anlagen bleiben bestehen. Die Kasernen werden umgenutzt.

(sda)

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