Aktualisiert 18.09.2014 08:32

Jung gegen Alt in Schottland

«Das Referendum ist kein Videospiel»

Eltern blockieren ihre Kinder auf Facebook, Junge werfen den Alten Engstirnigkeit vor: Die Unabhängigkeitsfrage spaltet die Generationen. Heute wird abgestimmt.

Junge Schotten sind mehrheitlich für eine Loslösung von Grossbritannien, die Älteren, vor allem die über 60, fürchten die Folgen, die ein «Ja» beim Referendum am Donnerstag auf ihre Renten, Ersparnisse und auf das Gesundheitssystem Schottlands haben könnte.

Unmittelbar vor dem Referendum liegen die beiden Lager in Umfragen immer noch Kopf an Kopf. Und das Zittern um den Ausgang entzweit in Schottland ganze Familien. Befürworter und Gegner der Unabhängigkeit forderten ihre Unterstützer auf, ihre Angehörigen auf den letzten Metern doch noch umzustimmen. Die Jungen sollen ihre Eltern und Grosseltern besuchen, um ihnen die Vorzüge einer Abspaltung von Grossbritannien zu erklären. Das «Nein»-Lager wiederum bat Rentner, ihre Kinder und Enkel mit ihrer Lebensweisheit zur Vernunft zu bringen.

97 Prozent haben sich zur Wahl registriert

«Ich war so stolz auf meinen Opa, als er mir erzählte, dass er mit 'Ja' stimmen würde, dass ich in Tränen ausbrach», sagte die 23-jährige Miriam Brett, die Wahlkampf für die Separatisten macht. «Ein 'Ja'-Votum bedeutet so viel für unsere Generation. Wir wollen alle unsere Grosseltern wissen lassen, dass ihre Zukunft sicher in unseren Händen ist, und mit einem 'Ja' können wir eine bessere Zukunft für uns und unsere Kinder schaffen.»

Einigen Umfragen zufolge ist nur in der Altersgruppe der über 60-Jährigen eine Mehrheit für den Verbleib bei Grossbritannien. Es wird damit gerechnet, dass bis zu 63 Prozent mit «Nein» stimmen. Da ältere Menschen eher dazu tendieren, auch tatsächlich zur Wahl zu gehen, geht es für die Befürworter darum, möglichst viele Junge zu mobilisieren.

Und das Interesse ist riesig. 4'285'323 Schotten und damit 97 Prozent der Wahlberechtigten haben sich registrieren lassen, Beobachter erwarten letztlich eine Beteiligung von möglicherweise mehr als 85 Prozent. Bei der letzten schottischen Parlamentswahl 2011 gingen knapp über 50 Prozent zur Wahl, bei der britischen Parlamentswahl 2010 waren es 63,8 Prozent.

«Mein Vater spricht nicht mehr mit mir»

Unter den Wahlberechtigten sind auch 124'000 16- und 17-Jährige, die erstmals wählen gehen dürfen. Viele von ihnen werden dem «Ja»-Lager zugerechnet und geraten darüber auch in Streit mit Eltern und Grosseltern. Umfragen zufolge sind bis zu 40 Prozent der Familien in der Unabhängigkeitsfrage gespalten. Mindestens 20 Prozent geben an, dass es deswegen schon zu hitzigen Familiendiskussionen gekommen sei.

«Mein Vater spricht nicht mehr mit mir, seit ich ihm gesagt habe, dass ich mit 'Ja' stimmen werde», sagte die 21-jährige Studentin Laura Brown. «Er hat mich sogar als Freundin bei Facebook blockiert.»

Das Lager der Unabhängigkeitsgegner hofft darauf, dass die Erfahrung des Alters sich durchsetzt. «Schottlands eine Million Rentner sollten ihr Stimmrecht und ihre Stimme nützen, um ihre Kinder und Enkel daran zu erinnern, wie die nationale Gesundheitsvorsorge und die Renten durch die Kraft der Zusammenarbeit gesichert wurden», sagte der frühere Premierminister Gordon Brown, einer der prominentesten Sprecher der «Better Together»-Kampagne.

Diese Sicht teilen auch die älteren Wähler. «Die haben nicht lange genug gelebt, um zu sehen, was wir gesehen haben», sagte die 68-jährige pensionierte Büroangestellte Liz Mullen.«Viele junge Leute denken, dass die Unabhängigkeit eine Art Wunderheilmittel sein wird. Sie denken, dass es eine Art Abenteuer ist, ohne Risiken. Aber das hier ist kein Videospiel.» (sda)

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