Geplante Impf-Offensive – Bersets Impf-Gutscheine fallen bei den Kantonen durch
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Geplante Impf-OffensiveBersets Impf-Gutscheine fallen bei den Kantonen durch

Der Bundesrat möchte die Impfquote in Hinsicht auf die kalten Wintermonate stark vorantreiben. Die Anreize dazu kommen bei den Kantonen mehrheitlich schlecht an.

von
Florian Osterwalder
Patrick McEvily

Die meisten Kantone lehnen den Vorschlag, Gutscheine im Wert von 50 Franken an Personen zu verteilen, die andere von der Impfung überzeugen konnten, ab.

20Min

Darum gehts

  • Mehrere Massnahmen sollen die Impfquote in der Schweiz steigern.

  • Umstrittenster Teil der Impf-Offensive des Bundes sind die 50-Franken-Gutscheine für die erfolgreiche Vermittlung von Nicht-Geimpften.

  • Basel-Stadt ist der einzige Kanton, der sich bisher offen für die Idee zeigt. Die anderen lehnen den Vorschlag teils heftig ab.

Der Bundesrat möchte die Impfquote in der Schweiz mit einer Offensive noch einmal deutlich steigern. Denn die Schweiz ist im Rückstand: «Die Schweiz hat eine der tiefsten Impfraten in Europa», gibt der Bundesrat zu. Die Offensive stützt sich auf vier Pfeiler: eine nationale Impfwoche, zusätzliche mobile Impfstellen, persönliche Informationsangebote und Gutscheine für erfolgreiche Impfberatung. Vor allem letzterer hat bereits viel zu reden gegeben.

Nun können sich die Kantone zu den Plänen äussern. Am 13. Oktober entscheidet der Bundesrat. Wir listen euch auf, was die einzelnen Kantone dazu sagen. Die beiden grossen Kantone Bern und die Waadt hatten 20 Minuten bis zum Mittwochnachmittag noch keine Auskunft gegeben.

Aargau

Der Kanton äussert sich kritisch zum Anreiz mit einem Gutschein. Grundsätzlich können Gutscheine als Anreizsysteme Wirkung zeigen. Der Regierungsrat erachtet den Ressourcenaufwand für die Prozessdefinition und die Implementierung der Auszahlungs- und Einlösungsprozesse der Beratergutscheine jedoch als zu hoch. Auch können Personen, die die Impfung ihren Freunden und Freundinnen und Kollegen und Kolleginnen bereits erfolgreich empfohlen haben, dies als unfair erachten.

Basel-Stadt

Basel-Stadt ist einer der wenigen Kantone, der einen «Beratergutschein» für sinnvoll erachtet. Dabei will der Regierungsrat aber, dass die Kosten für die Gutscheine vom Bund übernommen und die Abrechnungsmodalitäten mit den Kantonen praktikabel ausgestaltet werden.

Zürich

Die Verantwortlichen des bevölkerungsreichsten Kantons der Schweiz erklären gegenüber «Blick», dass die Gutscheine «falsche Anreize» schaffen würden. Dies sei vor allem mit Blick auf die Zukunft zu beachten. Würde jetzt eine Impfprämie eingeführt, könnten die Menschen dies auch künftig erwarten.

Bern

Für die Berner Kantonsregierung würde die Einführung von finanziellen Anreizen zur Impfung einen «gefährlichen Präzedenzfall» in der Schweiz schaffen, wonach Geimpfte und Ungeimpfte ungleich behandelt würden. Zudem seien die Pläne nur schwer umsetzbar. Der Bund solle die Mittel stattdessen an die Ärzte, Apotheken und das Gesundheitspersonal weitergeben.

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Die Verantwortlichen im Kanton Aargau lehnen den Vorschlag einer Beraterprämie für die erfolgreiche Vermittlung einer nicht geimpften Person ab. In den meisten anderen Kantonen sieht es ähnlich aus.

Die Verantwortlichen im Kanton Aargau lehnen den Vorschlag einer Beraterprämie für die erfolgreiche Vermittlung einer nicht geimpften Person ab. In den meisten anderen Kantonen sieht es ähnlich aus.

URS JAUDAS
Auch im Kanton Sankt Gallen gibt es Bemühungen, mehr Menschen von der Impfung zu überzeugen. Einen Impfgutschein lehnen die Verantwortlichen aber ab.

Auch im Kanton Sankt Gallen gibt es Bemühungen, mehr Menschen von der Impfung zu überzeugen. Einen Impfgutschein lehnen die Verantwortlichen aber ab.

20min / Shila Ochsner
Und auch in Luzern will man weiterhin auf die bestehenden Anreize und Möglichkeiten zur Impfung setzen.

Und auch in Luzern will man weiterhin auf die bestehenden Anreize und Möglichkeiten zur Impfung setzen.

20min/Matthias Spicher

Wallis

Der Staatsrat ist der Ansicht, dass diese Gutscheine in der Bevölkerung schlecht ankommen und die gesamte Impfkampagne in Frage stellen könnten. Dieser Ansatz könnte auch Menschen diskriminieren, die bereits geimpft sind. Sie unterstützt deshalb die Umsetzung dieser vom Bundesrat vorgeschlagenen Massnahme nicht. Es könnten alternative Vorschläge, wie serologische Tests, entwickelt werden. Dies könnte Menschen ohne Antikörper davon überzeugen, im Zweifelsfall den Sprung zu wagen, oder Menschen mit ausreichenden Antikörpern nur eine Dosis zu verabreichen. Dies sind gezielte und daher willkommene Anreize.

Solothurn

Ähnlich wie im Aargau und dem Wallis tönt es auch in Solothurn. Die dortigen Verantwortlichen lehnen die Idee der Impfgutscheine sowohl aus praktischen als auch aus moralischen Gründen ab. Durch deren Einsatz könnte in der Bevölkerung eine zu grosse «Forderungshaltung» entstehen. Die finanziellen Mittel sollten stattdessen in eine nationale Impf-Hotline investiert werden.

Ostschweiz

Neben dem Kanton Basel-Stadt, ist der Kanton Graubünden der einzige Kanton, der sich für eine Impfprämie ausspricht. In Chur findet man die Idee sinnvoll. Optimistisch, dass dies auch funktionieren könne, zeigt man sich aber nicht. In anderen Ländern hätten ähnliche Versuche keine Resultate geliefert. Die Regierung des Kantons St. Gallen erachtet die Beratungsgutscheine weder als zielführend noch praktikabel und lehnt sie klar ab. Der Impfentscheid sollte nicht durch zusätzlichen Druck oder aufgrund von monetären Anreizen, sondern aufgrund von gesellschaftlichen und gesundheitlichen Überlegungen gefällt werden. Gleich tönt es bei den beiden Appenzeller Kantonen.

Beim Kanton Thurgau heisst es: «Der Thurgauer Regierungsrat lehnt die Mehrheit der vom Bund vorgeschlagenen Massnahmen für eine Impf-Offensive ab. Eine nationale Impfwoche kann er sich vorstellen, Beratungsgutscheine hingegen würden falsche Anreize setzen.» Der Kanton Glarus ist klar gegen einen 50 Franken Gutschein.

Zentralschweiz

Kein Interesse am Vorschlag hat auch der Kanton Luzern. Die Verantwortlichen erklären gegenüber 20 Minuten, dass die Impfgutscheine gar eine kontraproduktive Wirkung haben könnten, indem sie einige Leute dazu ermutigen könnten, deren Einführung abzuwarten und damit den Impfentscheid hinauszuzögern. Ausserdem dürfte der Aufwand zur Erstellung der Gutscheine zu hoch sein.

Auch beim Kanton Schwyz kann man sich nicht für den Vorschlag aus Bern erwärmen. Der Regierungsrat erteilt dem Vorhaben eine klare Absage. Die Beratungsprämie würde Ungleichheiten in der Gesellschaft schaffen und dürfte ihr Ziel, mehr Menschen zur Impfung zu bewegen, verfehlen. Der Kanton Obwalden lehnt den Vorschlag ebenfalls ab. Nidwalden und Zug haben sich bisher auf Anfrage von 20 Minuten nicht dazu geäussert.

Westschweiz

Der Vorschlag stösst auch auf der anderen Seite des Röstigrabens auf wenig Gegenliebe: «Sowohl aus ethischen als auch aus praktischen Gründen lehnen wir jegliche Vergütung für eine Gesundheitshandlung entschieden ab, die zum Beispiel der Kommerzialisierung von Organspenden, Blutspenden usw. Tür und Tor öffnen könnte», heisst es aus Neuenburg. Der Kanton Waadt lehnt den Vorschlag ebenfalls ab und wünscht sich stattdessen vermehrt serologische Testangebote.

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