Niedriglohn bei «Festivalvolontariat» - Das sagt das Zurich Film Festival zum 1000-Franken-Gehalt für Chauffeure
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Niedriglohn bei «Festivalvolontariat»Das sagt das Zurich Film Festival zum 1000-Franken-Gehalt für Chauffeure

Promis durch die Limmatstadt zu kutschieren klingt zwar glamourös, wird zumindest am ZFF aber mies bezahlt. Ein zweiwöchiger Vollzeiteinsatz wird mit 1000 Franken entlöhnt.

von
Stephanie Vinzens
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Den goldig funkelnden Hollywood-Star Sharon Stone (63, Bild) zum grünen ZFF-Teppich zu chauffieren klingt zwar glamourös, wird aber mies bezahlt.

Den goldig funkelnden Hollywood-Star Sharon Stone (63, Bild) zum grünen ZFF-Teppich zu chauffieren klingt zwar glamourös, wird aber mies bezahlt.

20 Minuten/Michael Scherrer
Im Vorfeld des 17. Zurich Film Festivals hat die Organisation in einer Stellenausschreibung Fahrerinnen und Fahrer für seine internationalen und nationalen Gäste gesucht. Die Entlöhnung für zwei Wochen Vollzeitbeschäftigung: 1000 Franken. 

Im Vorfeld des 17. Zurich Film Festivals hat die Organisation in einer Stellenausschreibung Fahrerinnen und Fahrer für seine internationalen und nationalen Gäste gesucht. Die Entlöhnung für zwei Wochen Vollzeitbeschäftigung: 1000 Franken.

Laut Nicole Niedermüller, Leiterin Kommunikation der Unia Zürich-Schaffhausen, entspreche dies kaum einem Drittel des branchenüblichen Lohns im Transport oder Taxigewerbe.

Laut Nicole Niedermüller, Leiterin Kommunikation der Unia Zürich-Schaffhausen, entspreche dies kaum einem Drittel des branchenüblichen Lohns im Transport oder Taxigewerbe.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Fahrerinnen und Fahrer des Zurich Film Festival verdienen beim zweiwöchigen Vollzeiteinsatz nur 1000 Franken.

  • Laut der Gewerkschaft Unia entspreche diese Bezahlung kaum einem Drittel des branchenüblichen Lohns im Transport oder Taxigewerbe.

  • Das ZFF rechtfertigt den Niedriglohn durch den «spannenden Einblick hinter die Kulissen eines Filmfestivals» und der «Chance, am ZFF Kontakte zu knüpfen».

In einer Stellenausschreibung hat das Zurich Film Festival erfahrene Fahrerinnen und Fahrer gesucht, die Promis während ihres Aufenthalts in der Limmatstadt herumkutschieren. Der Lohn für zwei Wochen Vollzeit-Einsatz beim «etablierten Chauffeurservice von Mercedez-Benz» beträgt gerade mal 1000 Franken – und liegt damit weit unter dem branchenüblichen Durchschnitt.

Das für den Einsatz benötigte Headset, Smartphone mit installiertem Whatsapp und Google Maps sowie einen dunklen Anzug müssen die Festival-Aushilfen laut Anzeige obendrauf selbst mitbringen. Dafür gebührt ihnen «die Möglichkeit, einen spannenden Einblick hinter die Kulissen eines Filmfestivals zu erhalten und dazu beizutragen, unseren Gästen einen einmaligen und unvergesslichen Festivalaufenthalt zu ermöglichen.»

Für Nicole Niedermüller, Leiterin Kommunikation der Unia Zürich-Schaffhausen, legitimiere dies die Niedriglöhne keineswegs: «Mit dem Dabeisein bei einer aussergewöhnlichen Veranstaltung kann niemand seine Miete bezahlen.» Für zahlreiche Leute ist das Angebot jedoch scheinbar attraktiv: «Es konnten alle Stellen besetzt werden. Wir mussten sogar eine Auswahl treffen und einige enttäuschen», so die Pressestelle des Festivals.

Keine Regelung für Volontariate

Sie betont dabei, dass ein Grossteil der Fahrten durch den professionellen Fahrdienst Taxi 444 zu branchenüblichen Konditionen bewerkstelligt werde. Der im Inserat gesuchte «Festival-Support» unterstütze das ZFF zusätzlich «mit viel Freude und Enthusiasmus». Anders als ursprünglich in der Anzeige beschrieben, stehe ihnen zudem ein Navi und Headset im Auto zur Verfügung und sie würden zusätzlich mit Sachleistungen wie etwa Kinoeintritten und Verpflegung entschädigt.

Doch inwiefern sind solche Niedriglöhne rechtlich zulässig? «Die Kurzeinsätze am ZFF werden als sogenanntes Festival-Volontariat bezeichnet. Analog zu Praktika gibt es in der Schweiz keinen gesetzlich definierten Rahmen für diese Beschäftigungsform», erklärt Niedermüller.

Die Unia setze sich deshalb dafür ein, dass Praktika und Volontariate per Definition einen klar erkennbaren Ausbildungscharakter haben und dadurch den Berufseinstieg begünstigen. Dies ist laut Niedermüller bei der ausgeschriebenen Stelle des ZFF aber nicht der Fall: «Hinter dem Begriff Volontariat verbirgt sich in diesem Fall lediglich ein zeitlich befristetes Beschäftigungsverhältnis in Vollzeit, dessen Bezahlung kaum einem Drittel des branchenüblichen Lohns im Transport oder Taxigewerbe entspricht.»

Grosse Jobchancen oder vage Versprechen?

Die Veranstaltenden sehen das anders. «Das ZFF ist ein Ort, an dem man mit anderen kulturinteressierten in Kontakt kommen und sich vernetzen kann. Die Volontärinnen und Volontäre knüpfen hier Kontakte, die sie in ihrer beruflichen Laufbahn weiterbringen», heisst es in der Stellungnahme.

Dass das grösste Filmfestival der Deutschschweiz mit Sponsoren wie Credit Suisse, Mercedes Benz und Generali sowie Unterstützung vom Bundesamt für Kultur und der Stadt Zürich keine branchenüblichen Löhne zahlen kann, ist für Niedermüller auch unter diesen Umständen nicht nachvollziehbar: «Vage Versprechen von Netzwerken, die irgendwann einmal nützlich sein könnten, rechtfertigen keine schlechten Arbeitsbedingungen.»

Anders sehe es bei kleineren Kulturanlässen aus, die sich nur «mit viel Herzblut der Veranstaltenden und Freiwilligenarbeit» realisieren lassen. «Dafür habe ich den grössten Respekt», so die Kommunikationsleiterin.

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